Was sehen wir wirklich? Die menschliche Wahrnehmung

Florian Friedrich • 9. Januar 2026

Der Whodunnit Awareness Test und die Wahrgebung

Kennst du das? Du siehst ein kurzes Video, bist überzeugt, alles Wesentliche wahrgenommen zu haben – und dann stellt sich heraus: Das Entscheidende ist dir völlig entgangen. Genau das passiert beim sogenannten Whodunnit Awareness Test. Doch was hat das mit Hypnosystemik zu tun? Und warum spricht Gunther Schmidt, der Begründer der Hypnosystemik, in diesem Zusammenhang lieber von Wahr-Gebung statt von Wahrnehmung?

"Whodunnit" Awareness Test - Shamash Alidina

Dieser Artikel lädt dich ein, einen Perspektivwechsel vorzunehmen: weg von der Idee, was wir wirklich sehen und objektiver menschlicher Wahrnehmung – hin zu einem konstruktivistischen, hypnosystemischen Verständnis von Wirklichkeit.

Was sehen wir wirklich? Die menschliche Wahrnehmung

Der Whodunnit Awareness Test: Ein kurzer Überblick

Der Whodunnit Awareness Test ist ein Wahrnehmungsexperiment. Die Teilnehmenden bekommen eine klare Beobachtungsaufgabe, etwa: „Beobachte genau, wer am Ende der Szene der Täter ist.“

Während sie hochfokussiert versuchen, diese Frage zu beantworten, geschehen im Hintergrund massive Veränderungen oder auffällige Ereignisse, die von einem Großteil der Zuschauenden nicht bemerkt werden.

Das Ergebnis ist oft irritierend:

  • Menschen sind sich sicher, alles gesehen zu haben
  • und erleben dann einen Aha-Moment, wenn ihnen gezeigt wird, was sie übersehen haben.

Dieser Effekt ist kein Zufall – sondern ein Fenster in die ganz normale und alltägliche Funktionsweise unseres Bewusstseins.


Wahrnehmung ist kein Abbild der Realität

In einem alltagspsychologischen Verständnis gehen wir oft davon aus, dass Wahrnehmung so etwas ist wie eine fotografische Abbildung der Realität.

Hypnosystemisch – und auch neurobiologisch – ist dieses Bild nicht haltbar. Gunther Schmidt bringt es auf den Punkt: Wir nehmen nicht wahr, wir geben wahr.

Das bedeutet:

  • Wahrnehmung ist kein passives Registrieren
  • sondern ein aktiver, hochselektiver Konstruktionsprozess


Hypnosystemische Grundannahmen zur Wahrnehmung

Die Hypnosystemik, wie sie von Gunther Schmidt entwickelt wurde, verbindet systemisches Denken mit hypnotherapeutischen Erkenntnissen. Zentral ist dabei die Annahme, dass Aufmerksamkeit Realität erzeige.

Ein paar Kernpunkte:

  • Das Gehirn verarbeitet nicht alles, was sensorisch verfügbar ist
  • Es filtert sehr stark nach Bedeutung, Auftrag, Erwartung und Kontext
  • Was als wichtig markiert ist, wird verstärkt
  • Alles andere wird ausgeblendet, oft vollständig

Der Whodunnit Awareness Test zeigt genau das: Der gegebene Suchauftrag hypnotisiert die Aufmerksamkeit.


Der Suchauftrag als hypnotische Suggestion

Aus hypnosystemischer Sicht wirkt der Whodunnit-Test wie eine Tranceinduktion:

  1. Es gibt eine klare Fragestellung („Wer war es?“)
  2. Die Aufmerksamkeit verengt sich
  3. Alles, was nicht zur Lösung dieser Frage beiträgt, wird irrelevant
  4. Relevanz entscheidet darüber, was existiert


Wahr-Gebung statt Wahrnehmung

Der Begriff Wahr-Gebung macht deutlich:

  • Wir finden niemals Wahrheit
  • wir erzeugen sie in einem Bedeutungsprozess

Dabei spielen eine Rolle:

  • Vorerfahrungen
  • Erwartungen
  • innere Haltungen
  • emotionale Zustände
  • aktuelle Ziele

Im Whodunnit Awareness Test geben wir dem Geschehen eine bestimmte Wahrheit: Hier geht es um Schuld, Täterschaft, logische Hinweise. Alles, was nicht in dieses Deutungsraster passt, existiert subjektiv nicht.


Blinde Flecken sind systemisch sinnvoll

Ein wichtiger hypnosystemischer Gedanke ist, dass derartige Filder oder blinde Flecken keine Defizite, sondern sehr sinnvolle Lösungen sind. Denn unser Nervensystem muss reduzieren, sonst wäre es völlig überfordert.
Der Whodunnit-Test entlarvt also keine Dummheit, sondern demonstriert Kompetenz:

  • Effiziente Komplexitätsreduktion
  • Zielorientierte Aufmerksamkeit
  • Energiesparendes Erleben

Problematisch wird es erst dann, wenn wir:

  • unsere Wahr-Gebung mit objektiver Wahrheit verwechseln
  • andere Wahr-Gebungen abwerten
  • glauben, dass es so ist es sei.


Therapeutische und beraterische Relevanz

In Coaching, Therapie und Beratung zeigt sich dieser Effekt täglich:

  • Klient:innen sehen nur Probleme, keine Ressourcen
  • Teams sehen Schuldige, keine Muster
  • Führungskräfte sehen Widerstand, kein Engagement


Hypnosystemisch wird dann nicht gefragt, warum wir etwas nicht wahrnehmen, sondern welche Wirklichkeit wird hier gerade erzeugen und wozu?


Vom Whodunnit zum „What else?“

Ein hypnosystemischer Umgang mit Wahrnehmung bedeutet:

  • Neugier statt Gewissheit
  • Möglichkeitsräume statt Diagnosen
  • Selbstbeobachtung statt Rechthaben

Von Interesse ist deshalb, was noch alles wahrnehmbar wäre, wenn sich der Aufmerksamkeitsfokus verschiebt.



Fazit: Wirklichkeit ist ein Angebot, kein Fakt

Der Whodunnit Awareness Test ist mehr als ein unterhaltsames Wahrnehmungsexperiment. Er ist eine Einladung zur Demut und zur inneren Freiheit.

Er zeigt:

  • Wir leben nicht in der Welt, wie sie ist
  • sondern in der Welt, wie wir sie wahr-geben


Hypnosystemisch betrachtet liegt darin eine große Ressource: Wenn Wirklichkeit konstruiert ist, kann sie auch neu bzw. zieldienlich konstruiert werden.

trans*identität – Supervision und Teamsupervision
von Florian Friedrich 16. Februar 2026
Gruppensupervision für Psycholog*innen, Psychotherapeut*innen, Psychiater*innen, Gutachter*innen, Pädagog*innen, Therapeut*innen und andere Berufsgruppen Ich biete regelmäßig an Samstagen von 11 bis 13 Uhr eine kostenlose online Supervisionsgruppe / Intervisionsgruppe für Psycholog*innen, Psychotherapeut*innen und Psychiater*innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz an, die trans*Personen auf ihrem Weg der Transition in ihr Wunschgeschlecht begleiten und/oder Gutachten bzw. Stellungnahmen für Hormontherapien und Operationen verfassen. In dieser Gruppe können wir alle viel voneinander lernen, Fallvignetten einbringen, unser Schwarmwissen bündeln, netzwerken und auch Länder übergreifend zusammenarbeiten. Die Gruppe ist offen, d.h. Sie können jederzeit dazustoßen. Ich selbst koordiniere die Gruppe nur, bin aber im Sinne der Intervision ein Teil der Gruppe und nicht deren Leiter. In der Gruppe können Einzelfälle, aber auch Themen eingebracht werden. Mögliche Themen sind: Gutachten erstellen Sorgen wegen Detransition und Fehldiagnosen Rechtliches und Haftung bei Detransition Autismus, ASS und ADHS in der Kombination mit trans*Identitäten genderfluide und non binäre Lebensweisen Rechtliche Aspekte Andere LGBTIQA* Themen Wann sind die nächsten Termine? Samstag, 21. Februar 2026 von 11 bis 13 Uhr Samstag, 25. April 2026 von 11 bis 13 Uhr Samstag, 4. Juli. 2026 von 11 bis 13 Uhr  Einzeln oder im Team Des Weiteren biete ich (kostenpflichtige) Supervisionen (einzeln oder Teamsupervision) und Coaching für helfende Berufsgruppen an, die mit trans*identen (transgender, transsexuellen, diversen, nicht binären, genderfluiden) Personen arbeiten, etwa für Pädagog*innen, Psychotherapeut*innen, Psycholog*innen, Ärzt*innen und Gutachter*innen. Die Supervisionen sind auch online möglich. Viele Psychotherapeut*innen und Gutachter*innen sind sich unsicher, wie sie mit trans*Personen und der Geschlechtsidentität von Menschen arbeiten und therapeutisch vorgehen sollen und lehnen dann trans*idente und non-binäre Menschen ab. Unter Umständen liegt dies daran, dass trans*Personen oft gar keine klassische Psychotherapie benötigen, da es ja nicht um die Heilung von Symptomen oder einer psychischen Erkrankung geht, sondern vielmehr um eine aktive Unterstützung auf dem Weg der Transition und der persönlichen Entwicklung. Insofern stellt eine Zwangs-Psychotherapie für uns als Helfer*innen, aber auch für unsere Klient*innen / Patient*innen eine Restriktion dar, die oft als entwürdigend erlebt wird.
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