Was sehen wir wirklich? Die menschliche Wahrnehmung
Der Whodunnit Awareness Test und die Wahrgebung
Kennst du das? Du siehst ein kurzes Video, bist überzeugt, alles Wesentliche wahrgenommen zu haben – und dann stellt sich heraus: Das Entscheidende ist dir völlig entgangen. Genau das passiert beim sogenannten Whodunnit Awareness Test. Doch was hat das mit Hypnosystemik zu tun? Und warum spricht Gunther Schmidt, der Begründer der Hypnosystemik, in diesem Zusammenhang lieber von Wahr-Gebung statt von Wahrnehmung?
"Whodunnit" Awareness Test - Shamash Alidina
Dieser Artikel lädt dich ein, einen Perspektivwechsel vorzunehmen: weg von der Idee, was wir wirklich sehen und objektiver menschlicher Wahrnehmung – hin zu einem konstruktivistischen, hypnosystemischen Verständnis von Wirklichkeit.

Der Whodunnit Awareness Test: Ein kurzer Überblick
Der Whodunnit Awareness Test ist ein Wahrnehmungsexperiment. Die Teilnehmenden bekommen eine klare Beobachtungsaufgabe, etwa: „Beobachte genau, wer am Ende der Szene der Täter ist.“
Während sie hochfokussiert versuchen, diese Frage zu beantworten, geschehen im Hintergrund massive Veränderungen oder auffällige Ereignisse, die von einem Großteil der Zuschauenden nicht bemerkt werden.
Das Ergebnis ist oft irritierend:
- Menschen sind sich sicher, alles gesehen zu haben
- und erleben dann einen Aha-Moment, wenn ihnen gezeigt wird, was sie übersehen haben.
Dieser Effekt ist kein Zufall – sondern ein Fenster in die ganz normale und alltägliche Funktionsweise unseres Bewusstseins.
Wahrnehmung ist kein Abbild der Realität
In einem alltagspsychologischen Verständnis gehen wir oft davon aus, dass Wahrnehmung so etwas ist wie eine fotografische Abbildung der Realität.
Hypnosystemisch – und auch neurobiologisch – ist dieses Bild nicht haltbar. Gunther Schmidt bringt es auf den Punkt: Wir nehmen nicht wahr, wir geben wahr.
Das bedeutet:
- Wahrnehmung ist kein passives Registrieren
- sondern ein aktiver, hochselektiver Konstruktionsprozess
Hypnosystemische Grundannahmen zur Wahrnehmung
Die Hypnosystemik, wie sie von Gunther Schmidt entwickelt wurde, verbindet systemisches Denken mit hypnotherapeutischen Erkenntnissen. Zentral ist dabei die Annahme, dass Aufmerksamkeit Realität erzeige.
Ein paar Kernpunkte:
- Das Gehirn verarbeitet nicht alles, was sensorisch verfügbar ist
- Es filtert sehr stark nach Bedeutung, Auftrag, Erwartung und Kontext
- Was als wichtig markiert ist, wird verstärkt
- Alles andere wird ausgeblendet, oft vollständig
Der Whodunnit Awareness Test zeigt genau das: Der gegebene Suchauftrag hypnotisiert die Aufmerksamkeit.
Der Suchauftrag als hypnotische Suggestion
Aus hypnosystemischer Sicht wirkt der Whodunnit-Test wie eine Tranceinduktion:
- Es gibt eine klare Fragestellung („Wer war es?“)
- Die Aufmerksamkeit verengt sich
- Alles, was nicht zur Lösung dieser Frage beiträgt, wird irrelevant
- Relevanz entscheidet darüber, was existiert
Wahr-Gebung statt Wahrnehmung
Der Begriff Wahr-Gebung macht deutlich:
- Wir finden niemals Wahrheit
- wir erzeugen sie in einem Bedeutungsprozess
Dabei spielen eine Rolle:
- Vorerfahrungen
- Erwartungen
- innere Haltungen
- emotionale Zustände
- aktuelle Ziele
Im Whodunnit Awareness Test geben wir dem Geschehen eine bestimmte Wahrheit: Hier geht es um Schuld, Täterschaft, logische Hinweise. Alles, was nicht in dieses Deutungsraster passt, existiert subjektiv nicht.
Blinde Flecken sind systemisch sinnvoll
Ein wichtiger hypnosystemischer Gedanke ist, dass derartige Filder oder blinde Flecken keine Defizite, sondern sehr sinnvolle Lösungen sind. Denn unser Nervensystem
muss reduzieren, sonst wäre es völlig überfordert.
Der Whodunnit-Test entlarvt also keine Dummheit, sondern demonstriert Kompetenz:
- Effiziente Komplexitätsreduktion
- Zielorientierte Aufmerksamkeit
- Energiesparendes Erleben
Problematisch wird es erst dann, wenn wir:
- unsere Wahr-Gebung mit objektiver Wahrheit verwechseln
- andere Wahr-Gebungen abwerten
- glauben, dass es so ist es sei.
Therapeutische und beraterische Relevanz
In Coaching, Therapie und Beratung zeigt sich dieser Effekt täglich:
- Klient:innen sehen nur Probleme, keine Ressourcen
- Teams sehen Schuldige, keine Muster
- Führungskräfte sehen Widerstand, kein Engagement
Hypnosystemisch wird dann nicht gefragt, warum wir etwas nicht wahrnehmen, sondern welche Wirklichkeit wird hier gerade erzeugen und wozu?
Vom Whodunnit zum „What else?“
Ein hypnosystemischer Umgang mit Wahrnehmung bedeutet:
- Neugier statt Gewissheit
- Möglichkeitsräume statt Diagnosen
- Selbstbeobachtung statt Rechthaben
Von Interesse ist deshalb, was noch alles wahrnehmbar wäre, wenn sich der Aufmerksamkeitsfokus verschiebt.
Fazit: Wirklichkeit ist ein Angebot, kein Fakt
Der Whodunnit Awareness Test ist mehr als ein unterhaltsames Wahrnehmungsexperiment. Er ist eine Einladung zur Demut und zur inneren Freiheit.
Er zeigt:
- Wir leben nicht in der Welt, wie sie ist
- sondern in der Welt, wie wir sie wahr-geben
Hypnosystemisch betrachtet liegt darin eine große Ressource: Wenn Wirklichkeit konstruiert ist, kann sie auch neu bzw. zieldienlich konstruiert werden.








