trans*Identität und Geschlechtsdysphorie wegen Traumatisierungen

Florian Friedrich • 29. August 2025

Kann trans*Identität durch Traumen entstehen?

Lesen Sie in diesem Artikel, ob Traumen trans*ident/transsexuell oder non-binär machen.

Traumatisierungen verursachen normalerweise keine Geschlechtsdysphorie oder trans*Identität. Allerdings kann es nach schweren frühkindlichen Traumatisierungen zur sogenannten "Pseudo-trans*Identität" kommen. Hierbei handelt es sich nicht um eine dauerhafte und stabile Geschlechtsinkongruenz, sondern um ein Traumafolgesymptom. Es handelt sich dabei um eine nicht stabile und nicht dauerhafte Störung der Geschlechtsidentität.


Noch immer spuken in der Psychologie und Psychotherapie völlig veraltete, trans*negative Theorien herum, dass Traumatisierungen in Kindheit und Jugend zu Trans*Geschlechtlichkeit führen würden. So wird etwa jungen trans*Menschen gar nicht so selten unterstellt, dass sie nur deshalb transgender, transident, transsexuell, nicht binär oder genderfluid seien, weil sie psychische, körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren hätten.
Immer wieder habe ich Klient*innen, die erleben mussten, dass sie von Psychiater*innen, Psycholog*innen oder Psychotherapeut*innen pathologisiert wurden und dass ihre trans*Geschlechtlichkeit auf Traumatisierungen zurückgeführt wurde. Diese Traumatheorien, die früher auch bei der Erklärung der Homosexualität beliebt und verbreitet waren, haben sich als ein Irrtum herausgestellt. Sämtliche jener Erklärungsmodelle sind übrigens Defizitmodelle, da sie trans*Geschlechtlichkeit und Geschlechtsinkongruenz als eine negative Copingreaktion auf Traumatisierungen betrachten.

Pathologisierung / Traumatheorien und Trans*Geschlechtlichkeit

Erklärungsversuche für Geschlechtsidentitäten

Ich vermisse in der gesamten Diskussion Erklärungsversuche der cis-Identitäten, d.h. wie Menschen sich entwickeln, dass sie sich in ihrem biologischen Geschlecht wohlfühlen (Geschlechtseuphorie). Sehr viele Menschen, die cis sind, sind schwer traumatisiert. Könnte nicht dann auch, provokant formuliert, die cis-Identität eine Copingreaktion auf eine Traumatisierung sein?

Aufgrund der pathologisierenden Grundhaltung der Psy-Berufe gegenüber trans*Personen ist heute eine wertschätzende, phänomenologische Diskussion und Erforschung, inwieweit Traumatisierungen die Genderidentitäten, darunter auch die cis-Identität beeinflussen, kaum noch möglich.

Auch trans*Personen sind manchmal Erklärungsmodelle wichtig, weil diese den Druck, die eigene trans*Geschlechtlichkeit zu rechtfertigen, vermindern. Tatsächlich gibt es aber bis heute kein einziges Erklärungsmodell, das wirklich überzeugen kann oder plausibel ist, und sämtliche monokausalen Theorien zur Entstehung oder Entwicklung der trans*Geschlechtlichkeit haben sich als Irrtum erwiesen.


Keine plausible Erklärung für die Entstehung

Trans*Geschlechtlichkeit ist extrem vielschichtig und vielseitig. Von trans*Identität, über genderfluid, polygender, gender-queer, agender, non-binary bis hin zu Cross-Dressing finden sich hier ganz unterschiedliche Phänomene der menschlichen und geschlechtlichen Identitäten. Es wäre deshalb auch verwunderlich, wenn es ein allgemeingültiges Erklärungsmodell für die Entwicklung der Geschlechtsdysphorie gäbe.

Letztlich dürfen wir wohl alle akzeptieren, dass trans*Identität eine Form des menschlichen Seins ist, dessen Ursache nicht gefunden werde, kann (oder muss) und dass radikale Akzeptanz und Selbstakzeptanz viel wichtiger sind, als der verzweifelte Versuch, sich an fadenscheinige Entstehungstheorien zu klammern.


Trans‘*Geschlechtlichkeit kann in unterschiedlichen Lebensabschnitten auftreten, obwohl sie das bei vielen Menschen bereits in der ganz frühen Kindheit tut, oft zeitlich vor schweren Traumatisierungen. Zudem entstehen Traumatisierungen ja auch gerade dadurch, dass das soziale Umfeld die trans*Geschlechtlichkeit gewaltvoll sanktioniert und trans*Personen diskriminiert werden. Sie erleiden mitunter jahrelange Beschimpfungen, Mobbing, Bullying, körperliche und seelische Gewalt. Man könnte auch sagen: Menschen haben trotz schwerster Traumatisierungen den Mut, die Kraft und die personalen Ressourcen, ihre trans*Geschlechtlichkeit zu spüren und diese authentisch zu leben. Insofern können auch die Geschlechtsinkongruenz und der Stolz darauf Ressourcen und Kraftquellen sein.

Film: "Wer in Deutschland gegen trans Menschen hetzt"

Traumatisierte trans*Personen

Psychotherapie, Beratung und Coaching sollten zur Selbstfürsorge, zum Ausprobieren, Kennenlernen, Erkunden und Riskieren anregen und ermutigen und Entwicklungshilfe geben. Das ist aber nicht möglich, wenn trans*Menschen Traumatisierungen und Traumafolgestörungen verschweigen müssen, weil sie spüren, dass ihre Helfer*innen damit nicht umgehen können, problematischen Ursachentheorien anhängen oder denken, dass sich trans*Geschlechtlichkeit aufgrund von Traumatisierungen entwickle.

Mir sind trans*Personen bekannt, denen ein Gutachten zur Befürwortung geschlechtsangleichender medizinischer Maßnahmen verweigert wurde, weil ihre Psychotherapeut*innen ihre trans*Identität aufgrund von Traumatisierungen angezweifelt hatten.

Insofern ist die Sorge und Zurückhaltung vieler trans*Personen, Gutachter*innen und professionellen Helfer*innen von ihren Traumen zu erzählen so unberechtigt nicht. Die berechtigte Angst zwingt aber zum sich-Verstellen und zur Überanpassung an die Normen der Helfer*innen, was viele trans*Personen ohnehin in ihrer Biographie oft genug tun mussten und was sie retraumatisieren kann. Insofern können auch professionelle Helfer*innen, die veralteten Entstehungsmodellen der trans*Identität anhängen, für Wunden in der Biografie verantwortlich sein.


Halten wir uns vor Augen: Wer trotz schwerer Traumatisierungen und Traumafolgestörungen zu seiner trans*Identität findet, leistet Enormes und muss über erstaunliche innere Kräfte und Ressourcen verfügen. Einer trans*Person aufgrund von Traumatisierungserfahrungen und unhinterfragten, völlig veralteten Pathologiemodellen geschlechtsangleichende Maßnahmen zu versagen ist unmenschlich, verstößt gegen jede professionelle Ethik und ist eine Verletzung der Personenwürde.


Update: Geschlechtsinkongruenz als Normvariante der Geschlechtsidentität in der ICD-11

2019 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die ICD-11 (die internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme in ihrer elften Revision) verabschiedet. In dieser wird trans*Geschlechtlichkeit als Normvariante der Geschlechtsidentität und nicht mehr, wie bisher, als psychische Störung beschrieben. Sie gilt nun als ein Zustand sexueller Gesundheit.

Ab wann die ICD-11 in Österreich und Deutschland eingeführt wird, ist noch immer nicht klar. Trotz allen Leidensdrucks, den trans*Menschen in einer heteronormativen Gesellschaft verspüren, wird Geschlechtsinkongruenz dann aber endgültig entpathologisiert sein.

trans*identität – Supervision und Teamsupervision
von Florian Friedrich 16. Februar 2026
Gruppensupervision für Psycholog*innen, Psychotherapeut*innen, Psychiater*innen, Gutachter*innen, Pädagog*innen, Therapeut*innen und andere Berufsgruppen Ich biete regelmäßig an Samstagen von 11 bis 13 Uhr eine kostenlose online Supervisionsgruppe / Intervisionsgruppe für Psycholog*innen, Psychotherapeut*innen und Psychiater*innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz an, die trans*Personen auf ihrem Weg der Transition in ihr Wunschgeschlecht begleiten und/oder Gutachten bzw. Stellungnahmen für Hormontherapien und Operationen verfassen. In dieser Gruppe können wir alle viel voneinander lernen, Fallvignetten einbringen, unser Schwarmwissen bündeln, netzwerken und auch Länder übergreifend zusammenarbeiten. Die Gruppe ist offen, d.h. Sie können jederzeit dazustoßen. Ich selbst koordiniere die Gruppe nur, bin aber im Sinne der Intervision ein Teil der Gruppe und nicht deren Leiter. In der Gruppe können Einzelfälle, aber auch Themen eingebracht werden. Mögliche Themen sind: Gutachten erstellen Sorgen wegen Detransition und Fehldiagnosen Rechtliches und Haftung bei Detransition Autismus, ASS und ADHS in der Kombination mit trans*Identitäten genderfluide und non binäre Lebensweisen Rechtliche Aspekte Andere LGBTIQA* Themen Wann sind die nächsten Termine? Samstag, 21. Februar 2026 von 11 bis 13 Uhr Samstag, 25. April 2026 von 11 bis 13 Uhr Samstag, 4. Juli. 2026 von 11 bis 13 Uhr  Einzeln oder im Team Des Weiteren biete ich (kostenpflichtige) Supervisionen (einzeln oder Teamsupervision) und Coaching für helfende Berufsgruppen an, die mit trans*identen (transgender, transsexuellen, diversen, nicht binären, genderfluiden) Personen arbeiten, etwa für Pädagog*innen, Psychotherapeut*innen, Psycholog*innen, Ärzt*innen und Gutachter*innen. Die Supervisionen sind auch online möglich. Viele Psychotherapeut*innen und Gutachter*innen sind sich unsicher, wie sie mit trans*Personen und der Geschlechtsidentität von Menschen arbeiten und therapeutisch vorgehen sollen und lehnen dann trans*idente und non-binäre Menschen ab. Unter Umständen liegt dies daran, dass trans*Personen oft gar keine klassische Psychotherapie benötigen, da es ja nicht um die Heilung von Symptomen oder einer psychischen Erkrankung geht, sondern vielmehr um eine aktive Unterstützung auf dem Weg der Transition und der persönlichen Entwicklung. Insofern stellt eine Zwangs-Psychotherapie für uns als Helfer*innen, aber auch für unsere Klient*innen / Patient*innen eine Restriktion dar, die oft als entwürdigend erlebt wird.
Somatopsychik – Wenn der Körper die Psyche beeinflusst
von Florian Friedrich 30. Januar 2026
Somatopsychik nach Gunther Schmidt: Wie der hypnosystemische Ansatz Körper & Psyche verbindet – verständlich erklärt & praxisnah.
Systemische Beratung und Therapie in Salzburg / Hamburg
von Florian Friedrich 27. Januar 2026
Hypnosystemisches Coaching Der hypnosystemische Ansatz geht auf den Arzt, Betriebswirten und Psychotherapeuten Gunther Schmidt zurück. Dieser war ein Schüler des Hypnotherapeuten Milton Erickson (1901-1980). Gunther Schmidt hat die lösungsorientierte systemische Familientherapie und Beratung mit der kompetenzaktivierenden Hypnotherapie Ericksons verbunden und damit die systemische Therapie massiv und nachhaltig weiterentwickelt. Gunther Schmidt ist ärztlicher Direktor der sysTelios Klinik , und er überzeugt mich von allen systemischen Therapeut*innen am meisten. Ich biete systemische und hypnosystemische Therapie, Beratung und Coaching in Salzburg und Hamburg an. Gerne komme ich auch in Ihren Betrieb. Existenzanalyse und Hypnosystemik Hören Sie den Podcast: Sounds of Science Spezial / Christian Kuhlmann, Alfried Längle & Gunther Schmidt - Hypnosystemik und Existenzanalyse
Hypnosystemische Psychotherapie
von Florian Friedrich 23. Januar 2026
Was ist Psychotherapie im hypnosystemischen Verständnis? Beratung, Coaching u nd Psychotherapie sind Wege, Menschen darin zu unterstützen, ihre Lebensqualität zu verbessern. Psychotherapie bedeutet ursprünglich „Behandlung der Seele“ – im hypnosystemischen Ansatz (nach Gunther Schmidt) meint sie vor allem eine Begleitung von inneren und äußeren Veränderungsprozessen, die Leid lindern und Entwicklungsprozesse ermöglichen. Psychische Symptome werden dabei nicht primär als „Störungen“, sondern als sinnvolle Ausdrucksformen innerer Prozesse verstanden. Sie zeigen an, dass ein inneres System aus dem Gleichgewicht geraten ist oder dass wichtige Bedürfnisse bisher nicht ausreichend berücksichtigt werden konnten. Psychotherapie unterstützt Sie darin, wieder Zugang zu Ihrer inneren Kompetenz, Selbstregulation und Lebendigkeit zu finden – zu jener Kraft und Energie, die Sie für ein erfülltes Leben benötigen.