Autismus evolutionsbiologisch erklärt
Warum Autismus kein Defizit ist und wie Autismus hypnosystemisch sinnvoll utilisiert werden kann
Autismus wird häufig als neuroentwicklungsbedingte Störung beschrieben, die vor allem durch soziale Kommunikationsschwierigkeiten und besondere Wahrnehmungs- und Denkweisen gekennzeichnet ist. Aus evolutionsbiologischer Perspektive ergibt sich jedoch ein anderes Bild: Autismus könnte eine stabile neurobiologische Variante darstellen, die über die Menschheitsgeschichte hinweg wichtige Funktionen erfüllt hat.
Dieser Artikel erklärt, wie sich Autismus evolutionsbiologisch verstehen lässt und zeigt in einem Exkurs, wie autistische Merkmale hypnosystemisch utilisiert statt behandelt werden können.

Was ist Autismus?
Autismus (bzw. Autismus-Spektrum) umfasst eine Vielzahl von Ausprägungen, unter anderem:
- ausgeprägte Detailwahrnehmung
- hohe Regel- und Strukturorientierung
- intensive Spezialinteressen
- wörtliche, präzise Kommunikation
- sensorische Sensitivität
- geringere soziale Intuition, dafür logische Konsistenz
Die weltweite Prävalenz liegt bei etwa 1–2 Prozent, mit fließenden Übergängen in die Allgemeinbevölkerung.
Die evolutionsbiologische Kernfrage
Aus Sicht der Evolution stellt sich dieselbe Frage wie bei ADHS: Warum haben sich autistische Merkmale über Zehntausende von Jahren erhalten, obwohl sie in manchen Kontexten Nachteile mit sich bringen?
Die Antwort vieler Evolutionsforscher lautet: weil diese Merkmale hochfunktional sind – allerdings in spezifischen Rollen, Kontexten und Umwelten.
Autismus als Spezialisierungsstrategie der Evolution
Die Evolution bevorzugt nicht Generalisten allein, sondern auch Spezialisten. Autistische Phänomene lassen sich als extreme Ausprägung einer solchen Spezialisierung verstehen.
In frühen Gesellschaften waren Menschen mit solchen Eigenschaften vermutlich unverzichtbar für:
- Werkzeugherstellung
- Beobachtung von Tierverhalten
- Entwicklung von Jagd- oder Anbaustrategien
- Weitergabe von technischem Wissen
Autismus und Balanceselektion
Evolution wirkt nicht auf Individuen isoliert, sondern auf Populationen. Gruppen profitieren von einer Mischung aus:
- sozial intuitiven, empathischen Menschen
- analytischen, regelorientierten Menschen
Autistische Personen könnten in sozialen Gruppen Rollen übernommen haben, wie:
- Wissensbewahrer
- Techniker
- Beobachter
- Regelhüter
Der Vorteil entsteht auf Gruppenebene, auch wenn der einzelne Mensch situativ belastet ist.
Autismus ist kein Phänomen der Moderne
Ein häufiger Irrtum ist die Annahme, Autismus sei ein modernes Phänomen. Tatsächlich spricht vieles dafür, dass:
- autistische Merkmale zeitlos sind
- sie früher besser eingebettet waren in:
- klarere Rollen
- handwerkliche Tätigkeiten
- stabilere soziale Strukturen
- Dorfgemeinschaften
Die moderne Welt mit ihren:
- permanent wechselnden sozialen Erwartungen
- sensorischer Reizüberflutung
- impliziten Kommunikationsregeln
stellt autistische Menschen vor besondere Herausforderungen.
Warum steigt die Zahl der Autisten? I Quarks Studio Q
Exkurs: Autismus hypnosystemisch utilisieren
Der hypnosystemische Ansatz
Die hypnosystemische Therapie (u. a. nach Gunther Schmidt) betrachtet Symptome nicht als Störungen, sondern als sinnvolle Selbstregulationsstrategien eines Systems. Ziel ist nicht Anpassung an eine Norm, sondern Utilisation vorhandener Muster. Gerade bei Autismus ist dieser Ansatz besonders passend.
Autistische Muster als Ressource
Die Hypnosystemik fokussiert nicht darauf, wie wir den Menschen normaler und angepasster machen können, sondern wofür ein Muster gut ist und wie es wirksam genutzt werden kann.
Zentrale hypnosystemische Utilisationsprinzipien bei Autismus
1. Fokussierung gezielt nutzen
Autistische Tiefenfokussierung ermöglicht:
- Expertenwissen
- präzise Analyse
- nachhaltige Konzentration
Es gilt diese Fokussierung nicht auflösen, sondern gezielt zu rahmen.
2. Struktur als Ressource anerkennen
Struktur dient nicht der Vermeidung von Angst, sondern ist:
- Grundlage von Sicherheit
- Voraussetzung für Leistungsfähigkeit
Klare Abläufe, Regeln und Erwartungen wirken stabilisierend, nicht einschränkend.
3. Sensorische Selbstregulation respektieren
Rückzug, Wiederholung oder monotone Tätigkeiten wirken oft:
- regulierend
- stressreduzierend
- tranceähnlich im hypnotherapeutischen Sinn
Diese Zustände sind keine Defizite, sondern Selbstheilungsmechanismen.
4. Implizite Normen explizit machen
Hypnosystemisch hilfreich ist:
- klare Sprache
- transparente Erwartungen
- explizite Regeln
Nicht weil Autist:innen zu wenig verstehen, sondern weil ihr Gehirn präzise Informationen bevorzugt.
Fazit: Wir sollten Autismus als evolutionäre Ressource verstehen
Evolutionsbiologisch betrachtet ist Autismus kein Fehler im System, sondern Teil menschlicher Vielfalt. Hypnosystemisch betrachtet ist er kein Problem, das beseitigt werden muss, sondern ein hoch spezialisiertes Funktionsmuster, das sinnvoll genutzt werden kann – wenn der Kontext stimmt.








