Trauma nach einer Brandkatastrophe: Was hilft?

Florian Friedrich • 14. Januar 2026

Wie du einer PTBS vorbeugen kannst

(inklusive Selbsthilfemethoden aus dem Somatic Experiencing®)

Aus aktuellem Anlass (Brandkatastrophe von Crans-Montana) möchte ich hier über ein paar psychische Erste-Hilfe-Maßnahmen schreiben. Einen schweren Unfall oder eine Brandkatastrophe mitzuerleben – etwa Schreie zu hören, Brandgeruch wahrzunehmen oder Bilder von brennenden Menschen zu sehen – kann tief erschüttern - übrigens auch dann, wenn wir lediglich Videos im Internet und in den Medien davon sehen.

Viele Betroffene und Zeug*innen sind im Nachhinein verunsichert von ihren Reaktionen. Wichtig ist: Starke körperliche und seelische Reaktionen sind normale Antworten auf ein extremes Ereignis. Sie bedeuten nicht, dass du durchdrehst oder zwangsläufig eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickeln wirst.

Dieser Artikel erklärt,

  • warum Flashbacks auftreten,
  • was in den ersten Tagen und Wochen hilft,
  • und wie Selbsthilfemethoden aus dem Somatic Experiencing (SE) die Verarbeitung unterstützen können.


Übrigens soziale Unterstützung schützt stark und ist einer der wichtigsten präventiven Wirkfaktoren, um keine Posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln.

Menschen, die:

  • über das Erlebte sprechen können
  • emotionalen Rückhalt bekommen
  • körperlich und emotional gehalten werden
  • sich verstanden und ernst genommen fühlen

haben ein deutlich geringeres PTBS-Risiko. Soziale Bindung wirkt wie ein Puffer gegen traumatische Überforderung.

Trauma nach einer Brandkatastrophe: Was hilft?

Weiterleben nach einem Trauma – Crans-Montana und die Folgen | Sternstunde Philosophie | SRF Kultur

Laut dem Schweizer Traumaforscher Andreas Maercker brauchen die Betroffenen der Brandkatastrophe von Crans-Montana vor allem psychosoziale Unterstützung, gesellschaftliche Anerkennung und konkrete Formen des kollektiven Trauerns, um das Erlebte verarbeiten zu können. Maercker betont in einem öffentlichen Gespräch:

  • Wichtig für die Bewältigung sei zunächst, dass das Erlebte offiziell anerkannt und nicht verdrängt werde – das kollektive Trauern, wie etwa ein nationaler Gedenktag, kann dabei helfen, das Erlebte einzuordnen und den Opfern sowie ihren Angehörigen Raum für Trauer zu geben.
  • Er hebt hervor, dass Gesten des Gedenkens und Anerkennung von Bedeutung sind für das psychische Wohlbefinden und die Verarbeitung traumatischer Erfahrungen.

Flashbacks nach einer Brandkatastrophe verstehen

Nach traumatischen Erlebnissen kann es passieren, dass sich das Geschehen plötzlich aufdrängt – ohne Vorwarnung. Diese Flashbacks sind oft stark körperlich geprägt:

  • Gerüche: Rauch, verbranntes Material bzw. verbranntes Fleisch
  • Geräusche: Schreie, Sirenen, panisches Rufen
  • Bilder: brennende Personen, Flammen, Chaos
  • Körperreaktionen: Herzrasen, Enge in der Brust, Zittern, Schweiß
  • Gefühle: Panik, Hilflosigkeit, Todesangst

Aus Sicht des Nervensystems ist das logisch: Das Ereignis wurde als lebensbedrohlich gespeichert. Der Körper reagiert noch so, als sei die Gefahr nicht vorbei. Flashbacks sind daher keine Einbildung, sondern ein Zeichen eines überaktivierten Überlebenssystems.


Die Grundlage: Sicherheit und Stabilität

In den ersten Tagen und Wochen braucht dein System vor allem eines: Orientierung und Sicherheit.

  • Achte auf Schlaf, regelmäßiges Essen und Trinken.
  • Meide Alkohol oder Drogen – sie verstärken oft Unruhe und Flashbacks.
  • Reduziere Medienkonsum, besonders Bilder oder Videos der Katastrophe.


Somatic Experiencing®: Den Körper in die Heilung einbeziehen

Somatic Experiencing (SE) geht davon aus, dass Trauma nicht nur im Kopf, sondern vor allem im Nervensystem gespeichert ist. Ziel ist es, den Körper behutsam dabei zu unterstützen, wieder aus dem Alarmzustand herauszufinden.


1. Orientierung im Hier und Jetzt

Eine einfache, aber sehr wirksame SE-Übung:

  • Schau dich langsam im Raum um.
  • Benenne leise oder innerlich Dinge, die du jetzt siehst: Farben, Formen, Licht.
  • Spüre dabei: Ich bin hier. Ich bin jetzt sicher.

Diese Übung hilft besonders bei Flashbacks, die durch Gerüche oder Bilder ausgelöst werden.


2. Pendeln zwischen Angenehmem und Unangenehmem

Statt im Schrecken stecken zu bleiben, lädt SE zum sogenannten Pendeln ein:

  • Nimm kurz wahr, wo du Anspannung spürst (z. B. Enge in der Brust).
  • Wechsle dann bewusst zu etwas Neutralem oder Angenehmem im Körper (z. B. Füße am Boden, Rücken an der Stuhllehne).
  • Gehe mehrmals sanft hin und her.

So lernt dein Nervensystem, dass es zwischen Aktivierung und Ruhe wechseln darf.


3. Kleine Dosen statt Überflutung (Titration)

Du musst das Erlebte nicht vollständig wieder erleben. Im Gegenteil:

  • Erlaube dir nur kleine, gut dosierte Berührungen mit dem Thema.
  • Sobald die Aktivierung steigt, kehre zu etwas Stabilem zurück (Atmung, Umgebung, Körperkontakt).

Das schützt vor Überforderung und stärkt die Selbstregulation.


4. Zittern, Wärme, Seufzen erlauben

Nach Stress oder Flashbacks zeigen sich manchmal:

  • Zittern
  • Gähnen
  • Seufzen
  • Wärme oder Kältewellen

All das sind natürliche Entladungsreaktionen des Nervensystems. Wenn sie nicht überwältigend sind, dürfen sie da sein. Sie helfen, überschüssige Stressenergie abzubauen.



5. Berührung und Selbstberührung als Ressource

Optimal wären natürlich körperliche Berührungen durch andere Menschen. Wenn diese gerade nicht da sind, helfen sanfte Selbstberührungen, die sehr stabilisierend wirken:

  • Eine Hand auf die Brust, eine auf den Bauch
  • Arme um sich legen
  • Füße bewusst spüren und ggf. fest auf den Boden drücken

Spüre, ob das deinem Körper ein kleines Gefühl von Halt gibt.

Brand Punkt On Air - Wenn die Bilder immer wieder kommen - Intrusionen und Flashbacks

Weitere unterstützende Schritte

Reden – aber ohne Zwang

  • Sprich mit ein oder zwei vertrauten Menschen.
  • Du musst nicht alle Details immer wieder erzählen. Dein Körper verarbeitet auch jenseits von Worten. Es kann sogar schädlich für dich und andere sein, wenn du zu detailliert erzählst (wir reden uns dann selbst ins Trauma hinein und können überflutet werden).

Struktur und Alltag

  • Feste Zeiten für Aufstehen, Essen und Schlafen
  • Kleine Aufgaben geben dem Nervensystem Orientierung

Kreativer Ausdruck

Schreiben, Zeichnen oder Musik können helfen, Erlebtes zu ordnen – ohne es logisch erklären zu müssen.

Selbstmitgefühl

Heilung verläuft nicht linear. Rückschritte oder schlechte Tage sind normal. Dein System tut sein Bestes.


Wann professionelle Hilfe wichtig ist

Bitte hol dir fachliche Unterstützung, wenn:

  • Flashbacks, Albträume oder Panik nach 2–4 Wochen anhalten oder stärker werden
  • starke Vermeidung (Orte, Gerüche, Situationen) entsteht
  • dauerhafte Übererregung, Schlaflosigkeit oder Reizbarkeit bestehen
  • Schuld- oder Schamgefühle sehr belastend sind

Traumafokussierte Verfahren wie Somatic Experiencing®, EMDR oder hypnosystemische Traumatherapie können frühzeitig helfen – auch präventiv.


Akute Hilfe

Wenn du dich überwältigt fühlst oder Angst hast, dir selbst etwas anzutun, suche bitte sofort Hilfe.



Zum Abschluss

Ein extremes Ereignis wie eine Brandkatastrophe kann tiefe Spuren hinterlassen – doch dein Nervensystem besitzt auch eine enorme Fähigkeit zur Heilung und viel Resilienz. Mit Zeit, liebevollen Mitmenschen, Unterstützung und einem körperorientierten, achtsamen Umgang kann es lernen, dass die Gefahr vorbei ist.

Du musst diesen Weg nicht allein gehen. Hilfe anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Fürsorge für dich selbst.

trans*identität – Supervision und Teamsupervision
von Florian Friedrich 16. Februar 2026
Gruppensupervision für Psycholog*innen, Psychotherapeut*innen, Psychiater*innen, Gutachter*innen, Pädagog*innen, Therapeut*innen und andere Berufsgruppen Ich biete regelmäßig an Samstagen von 11 bis 13 Uhr eine kostenlose online Supervisionsgruppe / Intervisionsgruppe für Psycholog*innen, Psychotherapeut*innen und Psychiater*innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz an, die trans*Personen auf ihrem Weg der Transition in ihr Wunschgeschlecht begleiten und/oder Gutachten bzw. Stellungnahmen für Hormontherapien und Operationen verfassen. In dieser Gruppe können wir alle viel voneinander lernen, Fallvignetten einbringen, unser Schwarmwissen bündeln, netzwerken und auch Länder übergreifend zusammenarbeiten. Die Gruppe ist offen, d.h. Sie können jederzeit dazustoßen. Ich selbst koordiniere die Gruppe nur, bin aber im Sinne der Intervision ein Teil der Gruppe und nicht deren Leiter. In der Gruppe können Einzelfälle, aber auch Themen eingebracht werden. Mögliche Themen sind: Gutachten erstellen Sorgen wegen Detransition und Fehldiagnosen Rechtliches und Haftung bei Detransition Autismus, ASS und ADHS in der Kombination mit trans*Identitäten genderfluide und non binäre Lebensweisen Rechtliche Aspekte Andere LGBTIQA* Themen Wann sind die nächsten Termine? Samstag, 21. Februar 2026 von 11 bis 13 Uhr Samstag, 25. April 2026 von 11 bis 13 Uhr Samstag, 4. Juli. 2026 von 11 bis 13 Uhr  Einzeln oder im Team Des Weiteren biete ich (kostenpflichtige) Supervisionen (einzeln oder Teamsupervision) und Coaching für helfende Berufsgruppen an, die mit trans*identen (transgender, transsexuellen, diversen, nicht binären, genderfluiden) Personen arbeiten, etwa für Pädagog*innen, Psychotherapeut*innen, Psycholog*innen, Ärzt*innen und Gutachter*innen. Die Supervisionen sind auch online möglich. Viele Psychotherapeut*innen und Gutachter*innen sind sich unsicher, wie sie mit trans*Personen und der Geschlechtsidentität von Menschen arbeiten und therapeutisch vorgehen sollen und lehnen dann trans*idente und non-binäre Menschen ab. Unter Umständen liegt dies daran, dass trans*Personen oft gar keine klassische Psychotherapie benötigen, da es ja nicht um die Heilung von Symptomen oder einer psychischen Erkrankung geht, sondern vielmehr um eine aktive Unterstützung auf dem Weg der Transition und der persönlichen Entwicklung. Insofern stellt eine Zwangs-Psychotherapie für uns als Helfer*innen, aber auch für unsere Klient*innen / Patient*innen eine Restriktion dar, die oft als entwürdigend erlebt wird.
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