Homosexualität: Was ist verinnerlichte Homonegativität?

Florian Friedrich • 11. September 2025

Selbsthass wegen Homosexualität / Bisexualität

Verinnerlichte Homonegativität meint das Phänomen, dass schwule Männer, bisexuelle Menschen und lesbische Frauen sich wegen ihrer Homosexualität bzw. Bisexualität selbst hassen, ablehnen, ekelig fühlen, Schuldgefühle haben und sich schämen. Ein Synonym für "Homonegativität" ist das ältere Wort "Homophobie".


Ich selbst finde den Begriff der "Homophobie" passend. Denn wenn Menschen einen starken Hass auf jemand anderen oder auf eine bestimmte Personengruppe verspüren, dann spielt hier ganz viel Angst mit, die als existentiell bedrohlich erlebt wird. Die Betroffenen fühlen sich in ihrer eigenen Identität so erschüttert, dass sie als Copingreaktion einen narzisstischen Hass entwickeln.

Der berühmte Psychoanalytiker Arno Gruen beschrieb bereits in den 1980er Jahren, wie Menschen, die über eine unsichere und brüchige Identität verfügen, den Feind immer im Außen suchen und dort mit Hass bekämpfen. Aus psychotherapeutischer Sicht passt der Begriff der "Homophobie" deshalb genauso gut wie "Homonegativität".

Homosexualität: Was ist verinnerlichte Homonegativität?

Die Mehrheit schämt sich für ihre Homosexualität

In anonymen Onlineumfragen auf einer bekannten schwulen Datingplattform gaben etwa 75 Prozent aller schwulen und bisexuellen Männer an, dass sie sich im tiefsten Innersten ihrer sexuellen Orientierung schämen oder diese abwerten und ablehnen. Sie äußerten, dass sie lieber heterosexuell wären und gerne für heterosexuell gehalten werden. Zudem würden sie sich schämen, wenn sie zusammen mit offen homosexuell auftretenden Menschen oder trans*identen Personen auf der Straße und im öffentlichen Raum gesehen werden.

Es gibt auch den Begriff der „Homophobie“, der jedoch etwas irreführend ist: Eine Phobie ist nämlich eine irrationale Furcht vor etwas (etwa vor Spinnen). Bei der Homonegativität geht es allerdings mehr um Hass, innere und äußere Ablehnung, Gewalt, Ekel, Schuldgefühle, Scham und Abwertung.


Wenn homophober Hass verinnerlicht wird

Gefährlich ist, dass Opfer homonegativer Diskriminierung diese in ihr Inneres hineinnehmen und verinnerlichte Homonegativität entwickeln. Sie erleben dann Gewalttaten und Benachteiligungen als gerechtfertigt und so, als ob sie die psychische oder körperliche Gewalt verdient hätten. Auch Selbsthass kann eine Folge von verinnerlichter Homonegativität sein. Die eigene Homosexualität/Bisexualität wird dann als schlecht und minderwertig erlebt, als etwas, für das es sich zu schämen gelte. Internalisierte Homonegativität geht mit einer tiefen Selbstablehnung und Selbstabwertung einher. Die Betroffenen fühlen sich innerlich gespalten zwischen ihren authentischen Bedürfnissen nach Identität, Liebe, Partnerschaft und Sexualität und ihrer schweren Selbstentwertung sowie ihrer Ablehnung. Die verinnerlichten homophoben Normen quälen dann das Individuum. Vermeide ich ein authentisches Leben, dann können diese Zerrissenheit und das Versteckspiel immer stärker werden.


Die Identifikation mit den Täter*innen als Selbstschutz

Diesen Mechanismus nennt die Psychoanalyse „Identifikation mit dem/der Aggressor*in“. Er wurde erstmals von Anna Freud (der Tochter von Sigmund Freud) beschrieben. D.h. wir identifizieren uns aus Selbstschutz mit dem/der homonegativen Täter*in, weil dies kurzfristig unsere Psyche vor größeren Schäden bewahrt.

Dies erklärt etwa, warum sich Geiselopfer in ihre Entführer*innen verlieben und sie dann sogar im Gefängnis besuchen (das sogenannte „Stockholm-Syndrom“). Langfristig schadet dieser eigentlich geniale Selbstschutzmechanismus unserer Seele aber, weil wir den/die Täter*in verinnerlichen und in unser Innerstes hineinnehmen. Wir handeln dann entweder selbst wie der/die ursprüngliche Täter*in und agieren unsere erfahrene Homonegativität genauso brutal, hasserfüllt und toxisch an anderen Personen aus (dann werden etwa schwule Männer und lesbische Frauen manchmal Neonazis), oder wir gehen mit uns selbst um, wie das der/die homonegative Täter*in einst tat, z.B. durch psychische und körperliche Selbstverletzungen, Selbstabwertungen etc.


Nicht immer gehen Homonegativität und Homophobie von konkreten einzelnen Täter*innen aus. Auch Mikro- und Makrosysteme können sich diskriminierend, stigmatisierend und toxisch Verhalten, etwa Familiensysteme, Freikirchen, Religionsgemeinschaften, Schulen und Ausbildungsstätten, Pflegeeinrichtungen, Krankenhäuser, Peer-Gruppen, Lehrstellen, die Justiz, die Exekutive, Parteien und Staaten. Dabei ist die Homonegativität mal mehr, mal weniger subtil, wird aber dennoch verinnerlicht.

Filmtipp: "Homophobie begegnen"

Homophobie von außen wird als seelisches Gift oft verinnerlicht und dann gegen sich selbst gerichtet. Diesen Prozess nennt man "verinnerlichte Homophobie".

Selbstschädigendes Verhalten und Selbstverletzungen

Menschen, die ihre eigene (Homo-)Sexualität ablehnen, legen häufiger ein selbstschädigendes Verhalten an den Tag: Drogenmissbrauch, bewusste oder unbewusste Selbstverletzungen, aber auch ungeschützter Sexualverkehr, bei dem aufgrund eines vorbewussten Strafbedürfnisses das Risiko einer Infektion mit sexuell übertragbaren Krankheiten eingegangen wird. Menschen, die sich mit ihrer sexuellen Orientierung so akzeptieren, wie sie sind, tun dies viel seltener.


Fallbeispiel

Herr L. ist schwul, 45 Jahre alt und versteckt seine Homosexualität seit über 30 Jahren. Da er sich seiner sexuellen Orientierung so sehr schämt, kann er diese nicht offen ausleben. Wenn er etwa schwule Freunde und Bekannte auf der Straße oder im öffentlichen Raum trifft, dann tut er so, als ob er diese nicht kenne, was diese wiederum kränkt und verletzt. Dadurch wird Herr L. im Laufe der Zeit immer einsamer.


Aufgrund seiner Scham und seiner großen Ängste vor Ablehnung kann Herr L. auch keine Partnerschaft führen. Sein Expartner hat ihn verlassen, weil Herr L. niemals zu ihm stehen konnte. In seinem heterosexuellen Freundeskreis ist Herr L. nämlich nicht geoutet, auch seine Familie weiß nicht um seine Homosexualität. Deshalb musste hier sein Partner immer außen vor bleiben, er wurde verheimlicht und ausgeschlossen oder als guter Kumpel vorgestellt. Herr L. wollte sogar, dass sein damaliger Partner vorspielte, dass er heterosexuell sei und sich möglichst klischeehaft männlich verhalte, also eine Rolle spiele. Irgendwann hielt der Partner von Herrn L. dieses Vorspielen einer falschen Identität und das Versteckspiel nicht mehr aus und trennte sich. Eine authentische, befreite Partnerschaft war mit Herrn L. einfach unmöglich. Herr L. litt sehr unter dieser Trennung, redete sich aber ein, dass als schwuler Mann eine Partnerschaft eben nicht möglich sei.

Herr L. leidet stark unter seiner Homosexualität und fühlt sich zutiefst einsam. Um wenigstens etwas zwischenmenschliche Nähe zu erleben, fährt er an Orte, wo schwule und bisexuelle Männer anonymen, unverbindlichen Sex haben, oder er macht sich über Dating-Portale Sexdates aus. Er hat zahlreiche One-Night-Stands, die er jedoch nicht innerlich bejaht und derer er sich nicht erfreuen kann, sondern für die er sich wiederum schämt, schuldig fühlt und Selbsthass entwickelt. Er bezeichnet sich selbstabwertend als „sexuelles Schwein“.


Homonegativität ist ein seelisch vergiftender Prozess

Am Beispiel von Herrn L. wird gut ersichtlich, wie Menschen in einen toxischen Prozess geraten, in dem sie von Kindheit und Jugend an verinnerlichen, dass sie sich verbiegen oder falsche, aufgesetzte Gefühle vortäuschen müssen, und dass sie nur geliebt werden, wenn sie ihre authentischen Bedürfnisse und Gefühle unterdrücken und vorgeben, etwas zu sein, was sie nicht sind. Sie lernen zudem, dass ihre echten Gefühle und Bedürfnisse falsch seien und entwickeln zur Kompensierung sekundäre Bedürfnisse (siehe die Sexdates von Herrn L. als Kompensation der Einsamkeit und mangelnden Nähe).



Das falsche Selbst vieler schwuler, lesbischer und bisexueller Menschen

Es entsteht dann ein falsches Selbst. Die betroffenen Personen fühlen ihre ureigenen Emotionen und Bedürfnisse gar nicht mehr und spalten sie mithilfe diverser Abwehrmechanismen ab. Spüre ich kurz mein Bedürfnis oder gehe ihm sogar nach, kann das immense Ängste und Schuldgefühle auslösen bis hin zum Selbsthass. Das Abspalten von Bedürfnissen kostet selbstredend enorm viel Kraft und Energie. Die betroffenen Personen sind ständig unter Stress und in psychophysiologischer Alarmbereitschaft. Oft erkranken sie psychosomatisch und entwickeln ein schlechteres Immunsystem, leiden unter Angst und Panikstörungen und missbrauchen Substanzen. Auch Traumafolgestörungen, Psychosen und Suizidalität können auftreten.

Verschwörungstheorien: Rufschädigung von Michaela Huber?
von Florian Friedrich 26. März 2026
Was sind Rituelle Gewalt und Satanic Ritual Abuse (SRA)? Rituelle Gewalt und SRA gibt es nicht, sie sind ein Märchen, eine Urbane Legende. Das Konstrukt ist eine Verschwörungstheorie, die unter Psychotherapeut*innen weit verbreitet ist und nicht hinterfragt wird. Die bekannte Traumatherapeutin Michaela Huber gilt als eine der Hauptvertreterinnen dieser Theorie. Das Narrativ behauptet, dass geheime Organisationen, wie etwa Satanssekten, im Untergrund Kinder missbrauchen, foltern, abrichten und mittels Mind Control fernsteuern. Rituelle Gewalt werde von der Politik, von der Justiz, von der Polizei und den Reichen und Mächtigen verschleiert. Gerade der nicht empirische Nachweis der Rituellen Gewalt sei ein Beweis für deren Existenz. Auch Behandlungsfehler durch Traumatherapeut*innen und das Suggerieren falscher Erinnerungen sind kein Beweis für die Existenz Ritueller Gewalt. Wer sich kritisch dagegen äußert, der wird massiv angefeindet und ihm wird rasch unterstellt, dass er selbst ein Teil dieser großen Verschwörung sei oder zumindest generell Gewalt an Kindern rechtfertige, ganz nach dem Motto: "Wer nicht für mich ist, ist gegen mich und auch gegen alle Opfer von Gewalt." Viele meiner Kolleg*innen wissen gar nicht, dass es sich bei dieser dümmlichen Theorie lediglich um ein Verschwörungsnarrativ handelt. Eine Klarstellung oder: Wer hat hier ihren eigenen einst guten Ruf geschädigt? Die bekannte Psychotherapeutin Michaela Huber verbreitet Verschwörungsgeschichten zu Satanismus, Satanic Panic und Ritueller Gewalt. Diese konnten bis heute nicht wissenschaftlich nachgewiesen werden. Somit handelt es sich bei Ritueller Gewalt um eine Urbane Legende bzw. um ein Verschwörungsnarrativ, welches ein False-Memory-Syndrom suggerieren kann. Nachdem mir eine Kollegin auf einer Social-Media-Plattform unterstellt hat, ich würde bei der "renomierten" Kollegin Michaela Huber Rufschädigung und Diskreditierung begehen, dass diese mittlerweile entlastet worden sei (falsch!), dass ich ihren therapeutischen Ansatz abwerte (richtig, da fühle ich mich verstanden, wobei eine Verschwörungstheorie in meiner Welt kein psychotherapeutischer Ansatz ist) und dass mein Beitrag „vollkommen überflüssig sei“, habe ich ihr folgendes geantwortet: Michaela Huber gilt heute als sehr umstritten und wird sogar auf Wikipedia heftigst als Verschwörungstheoretikerin kritisiert. In Österreich würde ich Michaela Huber sofort bei der Ethikkommission melden, und eventuell würde ihr sogar die Zulassung als Psychotherapeutin entzogen werden, wenn sie sich nicht von ihren Verschwörungsgeschichten zur rituellen Gewalt distanziert. In Deutschland ist das leider etwas schwieriger. Michaela Huber wurde keinesfalls entlastet und konnte ihre Theorien bis heute nie beweisen. Ohne jedes Unrechtsbewusstsein oder die Bereitschaft, in einen wissenschaftlichen Dialog und Diskurs zu treten, verbreitet sie nach wie vor ihre esoterische Ideologie. So dürfen sich Psychotherapie-Schulen oder traumatherapeutische Ansätze, die einen seriösen Anspruch nach dem State-of-the-Art haben, nicht verhalten, so verhalten sich allerdings Sekten (was paradox ist, denn Huber postuliert ja, Satanssekten aufzudecken). Hier werden Huber und ihre Jünger*innen dem ganz ähnlich, was sie zu bekämpfen suchen.
trans*identität – Supervision und Teamsupervision
von Florian Friedrich 16. Februar 2026
Gruppensupervision für Psycholog*innen, Psychotherapeut*innen, Psychiater*innen, Gutachter*innen, Pädagog*innen, Therapeut*innen und andere Berufsgruppen Ich biete regelmäßig an Samstagen von 11 bis 13 Uhr eine kostenlose online Supervisionsgruppe / Intervisionsgruppe für Psycholog*innen, Psychotherapeut*innen und Psychiater*innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz an, die trans*Personen auf ihrem Weg der Transition in ihr Wunschgeschlecht begleiten und/oder Gutachten bzw. Stellungnahmen für Hormontherapien und Operationen verfassen. In dieser Gruppe können wir alle viel voneinander lernen, Fallvignetten einbringen, unser Schwarmwissen bündeln, netzwerken und auch Länder übergreifend zusammenarbeiten. Die Gruppe ist offen, d.h. Sie können jederzeit dazustoßen. Ich selbst koordiniere die Gruppe nur, bin aber im Sinne der Intervision ein Teil der Gruppe und nicht deren Leiter. In der Gruppe können Einzelfälle, aber auch Themen eingebracht werden. Mögliche Themen sind: Gutachten erstellen Sorgen wegen Detransition und Fehldiagnosen Rechtliches und Haftung bei Detransition Autismus, ASS und ADHS in der Kombination mit trans*Identitäten genderfluide und non binäre Lebensweisen Rechtliche Aspekte Andere LGBTIQA* Themen Wann sind die nächsten Termine? Samstag, 21. Februar 2026 von 11 bis 13 Uhr Samstag, 25. April 2026 von 11 bis 13 Uhr Samstag, 4. Juli. 2026 von 11 bis 13 Uhr  Einzeln oder im Team Des Weiteren biete ich (kostenpflichtige) Supervisionen (einzeln oder Teamsupervision) und Coaching für helfende Berufsgruppen an, die mit trans*identen (transgender, transsexuellen, diversen, nicht binären, genderfluiden) Personen arbeiten, etwa für Pädagog*innen, Psychotherapeut*innen, Psycholog*innen, Ärzt*innen und Gutachter*innen. Die Supervisionen sind auch online möglich. Viele Psychotherapeut*innen und Gutachter*innen sind sich unsicher, wie sie mit trans*Personen und der Geschlechtsidentität von Menschen arbeiten und therapeutisch vorgehen sollen und lehnen dann trans*idente und non-binäre Menschen ab. Unter Umständen liegt dies daran, dass trans*Personen oft gar keine klassische Psychotherapie benötigen, da es ja nicht um die Heilung von Symptomen oder einer psychischen Erkrankung geht, sondern vielmehr um eine aktive Unterstützung auf dem Weg der Transition und der persönlichen Entwicklung. Insofern stellt eine Zwangs-Psychotherapie für uns als Helfer*innen, aber auch für unsere Klient*innen / Patient*innen eine Restriktion dar, die oft als entwürdigend erlebt wird.
Somatopsychik – Wenn der Körper die Psyche beeinflusst
von Florian Friedrich 30. Januar 2026
Somatopsychik nach Gunther Schmidt: Wie der hypnosystemische Ansatz Körper & Psyche verbindet – verständlich erklärt & praxisnah.
Systemische Beratung und Therapie in Salzburg / Hamburg
von Florian Friedrich 27. Januar 2026
Hypnosystemisches Coaching Der hypnosystemische Ansatz geht auf den Arzt, Betriebswirten und Psychotherapeuten Gunther Schmidt zurück. Dieser war ein Schüler des Hypnotherapeuten Milton Erickson (1901-1980). Gunther Schmidt hat die lösungsorientierte systemische Familientherapie und Beratung mit der kompetenzaktivierenden Hypnotherapie Ericksons verbunden und damit die systemische Therapie massiv und nachhaltig weiterentwickelt. Gunther Schmidt ist ärztlicher Direktor der sysTelios Klinik , und er überzeugt mich von allen systemischen Therapeut*innen am meisten. Ich biete systemische und hypnosystemische Therapie, Beratung und Coaching in Salzburg und Hamburg an. Gerne komme ich auch in Ihren Betrieb. Existenzanalyse und Hypnosystemik Hören Sie den Podcast: Sounds of Science Spezial / Christian Kuhlmann, Alfried Längle & Gunther Schmidt - Hypnosystemik und Existenzanalyse