Warum habe ich in meiner Partnerschaft keine Lust auf Sex?

Florian Friedrich • 3. November 2025

Psychologische und paardynamische Gründe für mangelnde Libido

Viele Menschen verstehen nicht, warum sie keine sexuellen Bedürfnisse spüren und keine Lust auf Sex (mehr) mit ihrem/ihrer Partner*in haben. Selbstverständlich gibt es unzählige und komplexe biopsychosoziale Ursachen, wenn die Libido flöten geht.

In der Sexualität haben wir meist ganz klare und vertraute Skripte und Handlungsabläufe. Dabei gehen uns schnell Neugier, Interesse, Forschergeist und der Kontakt zu uns selbst und unserem Gegenüber verloren. In diesem Artikel möchte ich die gängigsten psychologischen und paardynamischen Gründe erläutern.

Warum habe ich in meiner Partnerschaft keine Lust auf Sex?

Grund 1: Ihr*e Partner*in war von Anfang an nie wirklich Ihr Typ.

Auch in der Phase des Kennenlernens und der frischen Verliebtheit haben Sie Ihren/Ihre Partner*in nie als sonderlich erotisch, sexuell anziehend und geil erlebt. Der Sex war damals schon kaum lustvoll, gut und geil für Sie. Auf einer Skala von null bis zehn hat sich der Sex zwischen eins und drei bewegt. Sie sind aus anderen Gründen mit Ihrem/Ihrer Partner*in zusammengegangen, etwa weil Sie sich zwischenmenschlich so gut verstanden haben, ein gutes Team waren, oder aber auch weil es Druck von außen bzw. von der Gesellschaft gab, als Paar zusammenzugehen. Eventuell war auch eine Schwangerschaft ein Grund, um in der Partnerschaft zu bleiben. Oder Sie sind schwul oder lesbisch, lieben Ihre*n heterosexuelle*n Partner*in über alles, wollen aber keinen Sex mit ihm/ihr, weil Sie eben homosexuell (und nicht bisexuell) sind.

In diesem Fall ist Ihre Partnerschaft ein gutes Team, eine geschwisterliche Freundschaft mit Paardynamik. Sie erleben die Beziehung als wertvoll und möchten diese auch nicht aufgeben. Problematisch wird es jedoch dann, wenn Ihnen eine erfüllende Sexualität fehlt, welche mit Ihrem/Ihrer Partner*in nicht möglich ist.


Die Lösung

Was sexuelle Lust, Leidenschaft und Erotik gegenüber Ihrem/Ihrer Partner*in betrifft, gibt es keine Lösung. Es ist nämlich nicht möglich, sich selbst zu manipulieren, dass Sie Ihre*n Partner*in auf einmal geil, begehrenswert und attraktiv erleben und den Sex mit ihm/ihr als super und leidenschaftlich empfinden.

Bitte zwingen Sie sich auch nicht zum Sex, wenn Sie nicht das Bedürfnis dazu haben. Dies schadet Ihnen und Ihrer Partnerschaft langfristig und kann eine massive psychische Belastung darstellen. Ich kenne als Sexualtherapeut mehrere Frauen, die sich immer wieder zum Sex mit ihrem Mann zwangen und danach starke seelische und körperliche Schmerzen hatten oder sogar erbrechen mussten. Achten Sie gut und sorgfältig auf Ihre Emotionen, Bedürfnisse und Ihren Körper.


Eine Lösung könnte sein, es radikal zu akzeptieren und anzunehmen, dass Sie keine Lust auf Sex mit Ihrem/Ihrer Partner*in haben. Die Realität ist eben, wie sie ist. Dies kann Ihnen weh tun oder Sie traurig machen, aber das ist allemal besser, als sich selbst für Ihre mangelnden Bedürfnisse zu verurteilen oder sich Druck oder Stress zu machen, Sex haben zu MÜSSEN.

Allerdings finden viele Paare andere Lösungen: Manche leben platonisch und asexuell zusammen, manche öffnen ihre Partnerschaft und leben polygam bzw. polyamor, manche wiederum trennen sich und bleiben befreundet. 


Grund 2: Der/die Partner*in macht Druck und Stress.

Sie haben keine Lust auf Sex mehr, weil Ihr*e Partner*in Ihnen Druck und Stress macht.

Ihr*e Partner*in war in der ersten Zeit Ihrer Partnerschaft ein*e tolle*r Sexualpartner*in. Der Sex war heiß, geil, sinnlich, erotisch und lustvoll - eine volle zehn. Mit der Zeit jedoch, als die erste Verliebtheit abflachte, verringerte sich Ihr sexuelles Interesse etwas, wie das eben in fast allen Partnerschaften der Fall ist. Ihr*e Partner*in zog sich dann entweder gekränkt und beleidigt zurück, oder er/sie machte Ihnen schwere Vorwürfe. Sie spürten dann, dass es dem/der Partner*in weniger um Sex geht, sondern um sein/ihr Ego. Er/sie versucht sich, durch Sex Bestätigung von Ihnen zu holen. Diese Ego-Masche empfinden viele Menschen als sehr unattraktiv und unsexy, vor allem dann, wenn der/die Partner*in ihnen Schuldgefühle manipuliert und Vorwürfe macht. Bedürftigkeit ist nie geil und anziehend. Der Sex wird somit als Ersatzbefriedigung und Kompensation für mangelnden Selbstwert missbraucht.

Echte sexuelle Gefühle und Bedürfnisse, authentische Lust und Leidenschaft sind meist ansteckend. Habe ich mal gar keine Lust auf Sex, dann kann es schon mal passieren, dass mich die Geilheit meines Partners/meiner Partnerin mitreißt und ansteckt. Allerdings nur, solange er/sie mir keinen Druck macht. Echte Gefühle stecken eben an, unechte, vorgetäuschte nerven mehrheitlich und führen zu Lustlosigkeit.


Die Lösung

Hier ist es unbedingt notwendig, dass Sie mit Ihrem/Ihrer Partner*in kommunizieren und ihm/ihr mitteilen, dass Sie so viel Druck spüren und das Gefühl haben, dass der/die Partner*in Sex zur Selbstbestätigung benötigt. Spielen Sie Ihrem/Ihrer Partner*in unbedingt die Verantwortung zurück. Es ist auch seine/ihre Verantwortung für guten Sex zu sorgen, seinen/ihren Anteil an der vertrackten sexuellen Paardynamik zu sehen, und es schadet der gemeinsamen Sexualität und Ihrer Partnerschaft, wenn er/sie Ihnen Schuldgefühle manipuliert und Sex als Mittel zum Zweck für seinen/ihren mangelnden Selbstwert missbraucht.


Grund 3: Sie selbst wollen aufgrund von Verlustängsten etwas beweisen oder leisten.

Sie haben keine Lust auf Sex mehr, weil Sex für Sie zum Leistungssport geworden ist. Sie wollen Ihrem/Ihrer Partnerin beweisen, dass Sie immer und überall auf ihn/sie stehen. Vor lauter beweisen- und funktionieren-Wollen gehen Ihnen Lust, Geilheit und Leidenschaft verloren. U.U. haben Sie auch Angst, Ihre*n Partner*in zu verlieren, wenn sie es ihm/ihr nicht ordentlich besorgen. Diese diffusen Verlustängste sind in Partnerschaften weit verbreitet, und es gibt zahlreiche sexuelle Märchen und Mythen, die alle besagen, dass ich als Partner*in für den Orgasmus und die Lust meines Partners/meiner Partnerin verantwortlich sei.


Die Lösung

Auch hier bedarf es wieder der guten Kommunikation innerhalb der Partnerschaft. Zudem ist es wichtig, sich den eigenen Verlustängsten zu stellen und zu lernen, mehr im Hier und Jetzt der sexuellen Begegnung zu sein, als ständig etwas leisten zu wollen. Es geht um sexuelle Hingabe, nicht um Hergabe.


Grund 4: Negative Kognitionen können die Sexualität hemmen oder stören.

So interpretieren viele Menschen einen nicht erreichten Orgasmus oder eine nicht funktionierende Erektion als persönliches Versagen. Sie befinden sich sofort im Schema der Inkompetenz und fühlen sich hilflos und als Sexualpartner*innen unwert. Sie werten sich dann als Person in ihrer Gesamtheit ab. Sexuelle Schwierigkeiten interpretieren sie als persönliche Schuld. Hier können wir auch von „kognitiven Verzerrungen“ sprechen, wobei diese den Betroffenen oft gar nicht bewusst sind.

Auch Versagensängste haben gravierende negative Folgen auf eine erfüllte Sexualität. Sie können sexuelle Funktionsstörungen verursachen, aber auch aufrechterhalten. Manchmal können allerdings Ängste die sexuelle Erregung auch verstärken.

Menschen, die sexuell gesund und zufrieden sind, interpretieren deshalb einen erhöhten Puls, eine flachere Atmung, Schweißausbrüche etc. als Lust und Geilheit. Dieselbe autonome Erregung wird von ängstlichen Menschen oder Personen mit sexuellen Versagensängsten als Angst dechiffriert. Dabei kommt es dann zu Störungen der Erektion und der sexuellen Funktionen.

Negative und ängstliche Kognitionen führen also zu Verzerrungen im sexuellen Erleben. Die Aufmerksamkeit und Achtsamkeit richten sich dann nicht mehr auf die sexuelle Lust und Hingabe, sondern kreisen panisch und ängstlich um die möglichen sexuellen Probleme. Hierbei können sich sexuelle Störungen chronifizieren. 


Was sind gute Bedingungen für erfüllten Sex?

Auf der Ebene der Persönlichkeit gibt es einige Faktoren, welche die Sexualität positiv beeinflussen. So haben selbstsichere, emotional-stabile Personen, die offen für neue Erfahrungen sind, ein besseres Sexualleben.

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