Diagnostik aus hypnosystemischer Sicht

Florian Friedrich • 24. August 2025

Diagnosen sagen nichts über unsere Klient*innen aus

Als Hypnosystemiker erlebe ich Diagnosen meist als trivialisierend und als eine die Komplexität reduzierende Vernichtung von Informationen. Zudem werden Diagnosen überwiegend völlig blind für den Kontext gestellt, in dem ein Symptom auftritt. 
Ziel dienlich sind Diagnosen aus hypnosystemischer Sicht dann, wenn Patient*innen sie wollen, weil sie dadurch Entlastung erfahren (was ich dann wieder utilisieren kann), oder eben für die Krankenkassen und Sozialversicherungsträger.

Der Begründer der Hypnosystemik Gunther Schmidt erwähnt etwas augenzwinkernd, dass sich seine Klient*innen eine der häufigsten Diagnosen (etwa "mittelgradige depressive Episode") selbst auswählen dürfen (sie können aber auch ausgewürfelt werden), wobei wir die Diagnosen dann zusammen mit unseren Klient*innen auf möglicherweise negative Auswirkungen überprüfen sollten.

Diagnostik aus hypnosystemischer Sicht

Diagnosen pathologisieren und können erlebte Inkompetenz bahnen

Diagnosen vernichten in der Regel wertvolle Informationen und negieren, dass Symptome in bestimmten Kontexten hilfreiche unbewusste Lösungen mit einem Preis sind, aber auch dass die Betroffenen immer auch bereits über "Muster des Gelingens"/ "Hinweise auf gesunde, Ziel dienliche Kompetenzen" (Gunther Schmidt) verfügen.

Zudem erleben die Diagnostizierten sich selbst oft dann eben nicht mehr als kompetente Menschen, die mit anderen völlig gleichwertig und gleichrangig sind. Sie erleben sich als weniger gleichrangig als ihre Therapeut*innen.

Somit kommt es schnell zu entwürdigenden Interaktionen. Diese Interaktionen bilden hinderliche Kontextbedingungen, welche die Betroffenen weiter schwächen können.

Diese Schwächung wird dann sogar noch als eine Rechtfertigung missbraucht, um noch schlimmere Diagnosen zu vergeben, was zu noch mehr Erleben von Inkompetenz und Entwürdigung führt. Diagnosen sind dann ein Teil des Problems.


Diagnosen fokussieren die Aufmerksamkeit auf Pathologien, auf Defizite und auf Störungen, nicht auf Ressourcen. Sie beachten nicht den Kontext, in dem ein Symptom auftritt. Sie suggerieren Therapeut*innen und Patient*innen Krankheiten und Inkompetenzen. Damit laden Diagnosen zu negativen Problemtrancen ein und können Patient*innen (und uns Therapeut*innen ebenso) schwächen.

Aus einer hypnosystemischen Haltung wäre aber genau das Gegenteil notwendig: Wir sollten stets Ressourcen fördern und Kompetenzen aktivieren. Da die Kassen diese am Defizit orientierten Diagnosen wollen, geraten wir als Psychotherapeut*innen immer wieder in Zwickmühlen.

Diese Zwickmühlen und Double-Binds lassen sich aber in guter hypnotherapeutischer Tradition utilisieren, da in praktisch allen Symptomen Kompetenzen stecken. Symptome sind Botschafterinnen für anerkennenswerte Bedürfnisse und damit Lösungsversuche, die wir in Therapie, Beratung und Coaching Ziel dienlich nutzen können.


Zwickmühlen können wir als Therapeut*innen immer fruchtbar für Metakommunikation machen, welche bei unseren Klient*innen und Coachees Kompetenzen der Würde, Autonomie, Selbstwirksamkeit bzw. Eigenkompetenz reaktiviert. Damit lassen sich Symptome übersetzen in wertvolle Kompetenzen des Feedbacks für wichtige Bedürfnisse. Zugleich können wir unseren Klient*innen und Patient*innen helfen, das Wertvolle in ihren Symptomen zu bergen, um daraus gesünderen Lösungen zu entwickeln.

Als Therapeut*in kann ich zudem Zwickmühlen utilisieren, welche entstehen, wenn ich für die Kassen pathologisierende ICD-10-Diagnosen stellen muss, etwa indem ich meinen Patient*innen meine Zwickmühlen metakommuniziere und wir hilfreiche Metaebenen aufbauen.

Gunther Schmidt: Vortrag zum 20-jährigen Jubiläums des SySt®-Instituts

Meine professionelle Verantwortung in der Diagnostik

Diagnosen sind weder objektiv klar noch generell stimmig. Es handelt sich bei ihnen um Realitätskonstruktionen, die von Beobachter*innen aus bestimmten Perspektiven verallgemeinernd gemacht werden und die stark selektiv sind.

Denken wir hierbei an den Satz von Humberto Maturana: "Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt".

Auf diese Weise wird z.B. verstehbar, warum die Homosexualität von einer homophoben Warte aus bis 1991 als eine psychische Störung gewertet wurde und trans*Identitäten aufgrund der trans*Negativität der Beobachter*innen noch immer pathologisiert werden.


Diagnosen sagen alles über das Wertsystem der Krankenkassen und Versicherungen aus, aber so gut wie nichts über unsere einzigartigen Klient*innen. Niemand hat z.B. Borderline oder ist Borderline, er zeigt nur in einem gewissen Kontext dementsprechende Interaktionsmuster, die verdinglichend als "Borderline" bezeichnet werden.


Ich erörtere meinen Klient*innen und Patient*innen genau, welche negativen Auswirkungen manche Diagnosen haben können. Genau darin sehe ich meine berufsethische Verantwortung, Expertise und Professionalität. Wenn etwa jemand eine Lebensversicherung abschließen möchte, dann warne ich vor bestimmten Diagnosen und wir wählen dialogisch eine möglichst schonende Diagnose aus. Das bringt meine Klient*innen in die Selbstwirksamkeit und Kompetenz und bewahrt ihre Würde.
Vor dem Hintergrund, dass Diagnosen lediglich Realitätskonstruktionen darstellen, die niemals abbilden, wie es wirklich ist und die immer auf ihre Zieldienlichkeit geprüft werden müssen, erachte ich diese meine Haltung als äußert bedeutsam.


Fazit:

Auch Menschen mit schweren Symptomen und sehr pathologisierenden Diagnosen verfügen immer über hilfreiche und lösungsfördernde Kompetenzen und Ressourcen in ihrem unbewussten Erlebensrepertoire. Spätestens nach ein paar wenigen Sitzungen können mit hypnosystemischen Ansätzen alle diese Kompetenzen reaktiviert werden.

Damit ist es essenziell wichtig, die Aufmerksamkeit permanent auf die Ressourcen auszurichten. Diese Notwendigkeit ist durch die moderne Priming-Forschung und Hirnforschung wissenschaftlich belegt. 
Die bisherige Praxis der Diagnostik nach ICD- und DSM-Beschreibungen bewirkt schnell das Gegenteil, nämlich eine schwächende (indirekte und intransparente) Hypnose, die mit einer Amnesie und Dissoziation für hilfreiche Kompetenzen einhergeht.


Zusätzlich zu den pathologisierenden Diagnosen, welche wir für die Kassen benötigen, können wir mit unseren Klient*innen immer auch Ressourcen-Diagnosen entwickeln, in denen wir ihre Stärken, Kompetenzen und Fähigkeiten hervorheben. Dies kann die Selbstwirksamkeit unserer Klient*innen stark fördern.

Kommen unsere Klient*innen mit Selbstdiagnosen und Selbstpathologisierungen zu uns, so können wir dies wieder als Lösungsversuche für anerkennenswerte Bedürfnisse utilisieren.


Exkurs: Was ist hypnosystemische Therapie und Beratung?

Der hypnosystemische Ansatz wurde vom Arzt, Psychotherapeuten und Betriebswirt Gunther Schmidt entwickelt, der die moderne Hypnotherapie von Milton Erickson mit lösungsorientierten systemischen Therapieansätzen kombinierte. Die Hypnosystemik ist einer der wirksamsten und effektivsten Ansätze in der modernen Therapie und Beratung und aktiviert schnell die Selbstheilungskräfte der Klient*innen. Durch diese Kompetenzaktivierung kommt es in der Regel sowohl bei chronischen körperlichen Leiden als auch bei psychischen Belastungen innerhalb kurzer Zeit zu einer Verbesserung.

In der hypnosystemischen Therapie befinden sich die Klient*innen meist im Wachbewusstsein und können auf diese Weise rasch gesundheitsförderliche Kompetenznetzwerke aktivieren. Die Haltung der Hypnosystemik ist immer, dass die Klient*innen selbst über alle Fähigkeiten und Kompetenzen verfügen, um ihr eigenes Erleben zu verbessern.


Dieser Text ist inspiriert von den vielen Vorträgen zum Thema Diagnostik, die ich von Gunther Schmidt gehört habe.

Weiße Rosen in einem Rosengarten vor schneebedeckten Bergen – poetisches Bild für Selbstreflexion
von Florian Friedrich 11. September 2026
Podcast über Psychotherapie und Hypnosystemik: Selbstwert, innere Muster, Glaubenssätze und die Frage, wie wir anders mit uns selbst umgehen können.
Florian Friedrich als Bastian im Theaterstück DER DRESSIERTE MANN
von Florian Friedrich 9. September 2026
Mein aktuelles Schauspielprojekt in der Rolle des Bastian Der dressierte Mann von John von Düffel Nach dem gleichnamigen Bestseller von Esther Vilar. Vilar dreht den Spieß um. Sie behauptet: Nicht die Männer unterdrücken die Frauen, sondern Frauen dressieren die Männer seit Jahrhunderten. Frauen nutzen Sex, Liebe und die Mutterrolle als Machtmittel. Dafür lassen sie sich aushalten und versorgen. Männer arbeiten, machen Krieg, zahlen - und bekommen dafür “Zuneigung” und Sex. Sie sind also die eigentlichen „Sklaven“. “Der Mann ist dressiert wie ein Haustier. Er glaubt frei zu sein, ist aber abhängig.” Das Buch löste 1971 einen riesigen Skandal aus. Von Feministinnen gehasst, von Männern gefeiert. Bis heute extrem umstritten. Es ist in dem Buch eine provokante These, dass die klassische Rollenverteilung Frauen bevorteilt und Männer ausbeutet. Bis heute ein Provokations-Bestseller. Der Vorverkaufspreis beträgt 16 Euro, an der Abendkasse 18 Euro. Ermäßigungen gibt es für Jugendliche sowie für (Schüler-)Gruppen ab zehn Personen. Reservierungen: Freiraum Oberndorf: 0664 / 6431727 Theatergruppe Oberndorf: 0677 / 62551846 E-Mail: info@freiraumoberndorf.at Ich freue mich. die tolle Rolle des Bastian zu spielen, eine Rolle, die man(n) sich nur wünschen kann.
von Florian Friedrich 9. September 2026
Eine 13-teilige Podcastreihe über Trauma, Erinnerung, Dissoziation und therapeutische Macht Die Diskussion über „rituelle Gewalt“ und „Mind Control“ bewegt sich zwischen realen Erfahrungen von Gewalt, traumatischen Folgen, wissenschaftlich umstrittenen Erklärungsmodellen und teilweise weitreichenden Verschwörungserzählungen. Diese Podcastreihe versucht, diese Ebenen voneinander zu unterscheiden. Dabei geht es nicht darum, sexualisierte oder organisierte Gewalt zu leugnen. Solche Gewalt ist real und kann schwere psychische Folgen haben. Gleichzeitig müssen auch weitreichende Behauptungen über geheime Täter-Netzwerke, satanistische Rituale, gezielte Persönlichkeitsspaltung oder Mind Control wissenschaftlich geprüft werden. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Frage, wie Erinnerungen entstehen und welche Rolle therapeutische Suggestion spielen kann. Denn eine therapeutische Beziehung ist niemals nur ein Gespräch unter Gleichen. Therapeut*innen verfügen über Wissen, Autorität und Einfluss. Gerade deshalb tragen sie eine besondere Verantwortung dafür, zwischen Beobachtung, Hypothese und Gewissheit zu unterscheiden. Die Reihe fragt unter anderem: Was ist über rituelle und organisierte sexualisierte Gewalt tatsächlich bekannt? Welche wissenschaftlichen Belege gibt es für die weitreichende RG-MC-Erzählung? Was wissen wir über Dissoziation und DIS? Wie entstehen Erinnerungen und wie können falsche Erinnerungen entstehen? Was bedeutet es, wenn Erinnerungen erst während einer Therapie auftauchen? Wo beginnt therapeutische Suggestion? Was geschieht, wenn eine therapeutische Theorie zum Deutungsrahmen für nahezu alles wird? Wie können Patient ihre eigene Autonomie bewahren? Was können Therapeut tun, wenn sie eine frühere Überzeugung inzwischen kritisch sehen? Wo liegen die Grenzen wissenschaftlicher Kritik und berufsrechtlicher Sanktionen? Und wie können wir über dieses Thema sprechen, ohne entweder Menschen zu entwerten oder unbelegte Behauptungen zu bestätigen? Die Perspektive der Reihe ist hypnosystemisch: Nicht jede Erfahrung muss sofort abschließend erklärt werden. Zustände, Gefühle, Körperreaktionen und innere Anteile können ernst genommen und therapeutisch bearbeitet werden, ohne daraus automatisch eine bestimmte historische Geschichte abzuleiten. Denn: Wir können Menschen glauben, ohne jede Interpretation ihrer Vergangenheit zu glauben. Wir können Trauma behandeln, ohne eine bestimmte Tätergeschichte vorauszusetzen. Und wir können sagen: „Ich weiß es nicht.“ Diese Unsicherheit muss kein therapeutisches Defizit sein. Sie kann der Raum sein, in dem Selbstbestimmung wieder möglich wird. Die 13 Folgen Rituelle Gewalt und Mind Control – Was wissen wir eigentlich? Wenn eine Hypothese zur Gewissheit wird Die Macht der Erinnerung Du bist nicht dein Zustand Wenn der Therapeut die Geschichte mitliefert Michaela Huber – Koryphäe, Einfluss und fachliche Kritik Valeria Petkova – Wenn Mind Control zur Erklärung wird Wenn Therapie zur Weltanschauung wird 9. Wenn Therapeut aussteigen – Schuld, Loyalität und der Weg zurück Wenn du als Klient aussteigen willst Wem gehört die Geschichte eines Menschen? Portugal, Netzwerke und die Internationalisierung einer therapeutischen Schule Von SPIEGEL bis zum goldenen Aluhut – Wenn Wissenschaft, Therapie und Medien aufeinanderprallen Eine Podcastreihe über Trauma, Erinnerung, Dissoziation, Suggestion, therapeutische Verantwortung und die Freiheit, die eigene Geschichte selbst zu hinterfragen.
Cinematic conceptual illustration of a human silhouette standing in a dark, atmospheric room
von Florian Friedrich 8. September 2026
Rituelle Gewalt, Mind Control und falsche Erinnerungen: Eine psychotherapeutische und wissenschaftliche Einordnung von Trauma, Suggestion, Hypnose und Gedächtnis.