Hypnosystemik und Transition: Dein Zukunfts-Ich als Anker
Wie die Begegnung mit deinem Zukunfts-Ich neue Kräfte freisetzt
Die Entscheidung für den eigenen Weg der Transition erfordert Mut, Ausdauer und eine starke Verbindung zu sich selbst. Doch oft verdecken Dysphorie, bürokratische Hürden oder gesellschaftlicher Druck die Sicht auf das Ziel. Die hypnosystemische Methode des „Wunsch-Ichs der Zukunft“ nach Gunther Schmidt bietet hier einen revolutionären Ansatz: Sie macht die stimmige Zukunft schon heute körperlich erlebbar.
In der therapeutischen Begleitung von trans*Frauen und trans*Männern geht es um weit mehr als nur um das Abarbeiten von medizinischen und diagnostischen Schritten. Es geht um die Rückgewinnung der Deutungshoheit über das eigene Leben. Die Hypnosystemik verbindet dabei die Logik des Verstandes mit der Weisheit des Unwillkürlichen.
Lese in diesem Beitrag, wie du dein zukünftiges-Ich als Anker nutzen kannst, der dich optimal auf der Reise deiner Transition unterstützt.

Was ist das „Wunsch-Ich der Zukunft“?
Hinter dem Begriff verbirgt sich eine hochwirksame Imaginationsübung aus der Hypnosystemik. Das Gehirn unterscheidet in seinen tiefen Schichten kaum zwischen einer realen Erfahrung und einer intensiv vorgestellten. Wenn wir uns also als trans*Frau oder trans*Mann mit allen Sinnen vorstellen, wie wir in fünf oder zehn Jahren leben, lernt unser Nervensystem: Dieser Zustand ist möglich und sicher erreichbar.
Warum dieser Ansatz für trans* Personen so wertvoll ist:
- Vom Mangel in die Fülle: Statt sich auf das zu konzentrieren, was körperlich oder rechtlich noch fehlt, fokussiert die Übung auf die bereits vorhandene Essenz der Identität.
- Identitäts-Kontinuität: Man erkennt, dass das Zukunfts-Ich kein fremder Mensch ist, sondern bereits in der Gegenwart erfahrbar ist.
- Stressreduktion: Das unwillkürliche System schaltet von Überlebensmodus (Kampf gegen Dysphorie) auf Gestaltungsmodus um.
Schritt für Schritt: Die Begegnung mit deinem weisen Zukunfts-Selbst
Die Methode nach Gunther Schmidt folgt einer klaren Struktur, die du in einer spezialisierten Begleitung oder – mit etwas Übung – auch für dich selbst nutzen kannst.
1. Die Imagination im Angekommen-Sein
Stell dir vor, du wachst an einem Morgen in der Zukunft auf. Alle wesentlichen Schritte deiner Transition liegen hinter dir. Du bist einfach du. Nun aktiviere deine Sinne:
- Visuell: Wie sieht dein Körper aus, wenn du an dir herabblickst? Welchen Ausdruck hat dein Gesicht im Spiegel? Als trans*Mann: Wie nimmst du deine maskuline Präsenz wahr? Als trans*Frau: Wie nimmst du deine feminine Silhouette wahr?
- Auditiv: Wie klingt deine Stimme? Wie reagieren andere auf den Klang deiner Stimme?
- Kinästhetisch: Wie fühlt sich deine Körperhaltung an? Spürst du einen neuen Stolz in der Brust, eine andere Erdung in den Füßen? Wie fühlt sich die Kleidung an, die genau zu dir passt?
2. Der Rat des zukünftigen Wunsch-Ichs?
Dies ist der Kernmoment nach Gunther Schmidt. Du trittst in einen Dialog mit dieser Version deiner selbst. Du als heutige Person fragst dein weises Zukunfts-Ich:
- „Was ist das Wichtigste, das ich jetzt wissen muss?“
- „Welche meiner heutigen Sorgen kann ich getrost loslassen?“
- „Was hat dir in den schwierigsten Momenten am meisten geholfen, etwa bei Stigmatisierung und Diskriminierung?“
Häufige Erkenntnisse: Trans* Männer berichten oft von einer tiefen, ruhigen Kraft ihres Wunsch-Ichs, die ihnen sagt: „Steh zu dir, dein Fundament ist fest.“ Trans*Frauen erleben oft eine milde Güte ihres Zukunfts-Ichs: „Sei sanft mit dir, du musst nichts beweisen, du bist bereits genug.“
3. Der Ressourcentransfer (Body-Anchoring)
Damit das Gefühl nicht verpufft, wird es geankert. Wo im Körper spürst du die Zuversicht deines Zukunfts-Ichs am stärksten? Vielleicht als Wärme im Herzraum oder als Kraft in den Schultern. Verbinde dieses Gefühl mit einer kleinen Geste (z. B. dem Berühren eines Ringes oder dem festen Aufstellen der Füße). Dieser Anker ist dein Notfall-Kit für den Alltag.
Interview mit Gunther Schmidt: "Wer Angst hat, hat Zukunft"
Die neurobiologische Wirkung: Warum Hypnosystemik funktioniert
Durch diese Arbeit aktivieren wir das Belohnungssystem und reduzieren die Aktivität der Amygdala (unser Angstzentrum). Wenn du als trans*Person vor einer Herausforderung stehst – sei es ein Coming-out oder eine Operation –, kannst du über den Anker die biochemische Antwort deines Körpers verändern. Du handelst nicht mehr aus der Angst des Noch-nicht-Ganz-Seins, sondern aus der Souveränität deines Zukunfts-Ichs.
Fazit: Dein Weg, deine Identität, deine Regie
Die Transition ist kein medizinischer Prozess, dem man ausgeliefert ist. Sie ist eine aktive Selbstwerdung. Die hypnosystemische Begleitung hilft trans*Frauen, trans*Männern und nicht-binären Menschen, die innere Mentor*in zu finden, die sie sicher durch alle Stürme leitet.
Du musst nicht warten, bis die Außenwelt dich bestätigt. Die Frau oder der Mann, die/der du sein willst, lebt bereits in dir. Es ist Zeit, mit ihr oder ihm Kontakt aufzunehmen.
Journaling-Übung: Dein Dialog mit dem Zukunfts-Ich
Nimm dir zehn bis 15 Minuten Zeit an einem ungestörten Ort. Nutze die folgenden Fragen, um die Verbindung zu deinem Wunsch-Ich zu vertiefen. Schreibe die Antworten am besten handschriftlich auf. Das aktiviert die neurologischen Prozesse der Selbstreflexion noch intensiver.
Phase 1: Die Ankunft in deiner Zukunft
- Der Morgen: Wenn du in 5 Jahren aufwachst und dich absolut stimmig fühlst – was ist das erste Gefühl, das du beim Aufschlagen der Augen wahrnimmst?
- Die Präsenz: Wenn du aufstehst und durch den Raum gehst: Wie fühlt sich dein Gang an? Welche Energie strahlt dein Körper aus (z. B. Ruhe, Stolz, Sanftheit, Kraft)?
- Der Alltag: Welches Detail in deinem Alltag zeigt dir am deutlichsten, dass du angekommen bist? (Z. B. der Klang deiner Stimme beim Bestellen eines Kaffees, das Gefühl von Kleidung auf deiner Haut oder die selbstverständliche Anrede durch andere).
Phase 2: Der Rat deiner inneren Mentor*in
Stell dir nun vor, dein Zukunfts-Ich setzt sich dir gegenüber. Es blickt dich mit tiefer Wertschätzung und Liebe an, denn es weiß genau, was du gerade durchmachst.
- Die Botschaft: Wenn dein Zukunfts-Ich nur drei Worte an dein heutiges Ich richten dürfte, welche wären das?
- Die Entlastung: Welche Sorge, die dich heute viel Energie kostet, sieht aus der Sicht deines Zukunfts-Ichs eigentlich ganz klein aus?
- Die Kraftquelle: Welche Eigenschaft besitzt dein Zukunfts-Ich bereits im Überfluss, die du heute besonders gut gebrauchen könntest? (Z. B. Gelassenheit gegenüber Kommentaren von außen oder Vertrauen in den Heilungsprozess).
Phase 3: Den Transfer besiegeln
- Das Symbol: Wenn dein Zukunfts-Ich dir ein kleines Geschenk oder Symbol überreichen würde, das dich an deine Kraft erinnert – was wäre das?
- Der erste Schritt: Welchen winzigen Schritt empfiehlt dir dein Zukunfts-Ich für die nächsten 24 Stunden, um deine Identität ein Stück weit mehr zu feiern?
Du musst diesen Weg nicht alleine gehen.
Die Transition ist eine Reise zu dir selbst – und manchmal hilft ein Kompass, um in stürmischen Zeiten die Richtung nicht zu verlieren. Möchtest du lernen, wie du die Kraft deines Zukunfts-Ichs im Alltag verankerst? Als Coach und Therapeut begleite ich dich mit hypnosystemischen Methoden auf deinem Weg zu mehr Stimmigkeit und Selbstvertrauen.







