Der hypnosystemische Blick auf Narzissmus

Florian Friedrich • 17. Mai 2026

Jenseits der Diagnose

In der modernen Psychologie und den sozialen Medien ist der Begriff „Narzissmus“ allgegenwärtig. Meist wird er als starres Persönlichkeitsmerkmal oder gar als unheilbare Störung abgestempelt. Doch was passiert, wenn wir die klinische Brille abnehmen und eine hypnosystemische Perspektive einnehmen?

Der von Dr. Gunther Schmidt geprägte Ansatz bietet einen radikal anderen, wertschätzenden und vor allem lösungsorientierten Blick auf das, was wir gemeinhin als Narzissmus bezeichnen.


Lesen Sie in diesem Beitrag über den hypnosystemischen Blick auf den sogenannten „Narzissmus“.

Eine abstrakte Illustration einer Person als Dirigent eines Orchesters, bei dem jeder Musiker eine andere Emotion oder Persönlichkeitseigenschaft darstellt.

1. Narzissmus ist keine Eigenschaft, sondern ein Prozess

Narzissmus ist nach diesem Verständnis nur ein Konstrukt oder eine Metapher, das/die auf seine/ihre Zieldienlichkeit geprüft werden muss. Aus hypnosystemischer Sicht ist niemand ein*e Narzisst*in. Stattdessen betrachtet man das Verhalten als eine spezifische Form der Erlebnisorganisation bzw. von Netzwerken in unserem Hirn. Wir sprechen hier von einer Problemtrance.

Aus hypnosystemischer Sicht ist die Diagnose „Narzissmus“ (bzw. narzisstische Persönlichkeitsorganisation oder NPS) dann zielführend, wenn sie Orientierung gibt, ohne Identität zu verengen. Dabei müssen wir beachten, dass die Diagnose nie als pathologisierende Wesensbeschreibung („Frau Mayer ist Narzisstin“) genutzt werden sollte, sondern als Beschreibung eines aktuell dominanten Selbstorganisationsmusters unter bestimmten Kontextbedingungen.

Auch für Opfer emotionaler Gewalt kann die Diagnose oder das Konzept der narzisstischen Dynamik hilfreich sein, wenn sie zur Orientierung, Selbstklärung und Grenzbildung dient. Gerade wenn typische Muster über längere Zeit bestehen, kann das Benennen enorm entlastend sein.


Stellen Sie sich vor, das Gehirn fokussiert sich unwillkürlich auf ein enges Netzwerk aus Mustern: die Suche nach Bewunderung, die Abwehr von Kritik und das Gefühl der Überlegenheit. In diesem Zustand sind andere Perspektiven ausgeblendet – wie in einer hypnotischen Trance. Der Mensch ist in diesem Moment nicht böse (seine Taten mit ihren negativen Auswirkungen allerdings schon), sondern sein System hat auf einen Autopiloten geschaltet, der nur ein Ziel kennt: das psychische Überleben durch die massive Abwertung der anderen. Das relativiert und rechtfertigt jedoch überhaupt nichts, da wir immer die Verantwortung für unser Handeln haben.


2. Das Orchester der Persönlichkeit: Das Seitenmodell

Ein zentrales Werkzeug der Hypnosystemik ist das Seitenmodell. Wir bestehen nicht aus einem einzigen Ich, sondern aus vielen verschiedenen Anteilen oder Seiten.

Beim Phänomen Narzissmus begegnen uns meist zwei Hauptakteure:

  1. Die grandiose Seite: Sie ist laut, selbstbewusst und fordernd. Sie fungiert als hochwirksamer Schutzschild.
  2. Die vulnerable Seite: Dahinter verbirgt sich oft ein zutiefst verunsicherter Anteil, der Angst vor Wertlosigkeit und Ablehnung hat.

Das narzisstische Verhalten ist der (oft verzweifelte) Versuch der grandiosen Seite, die schmerzhaften Impulse der vulnerablen Seite zu übertönen. Es ist eine Form der Selbst-Hypnose, um den Schmerz und die tiefe innere Leere nicht fühlen zu müssen.


3. Die Würdigung der Symptome: Was ist der gute Grund?

Einer der revolutionärsten Aspekte der Hypnosystemik ist die Frage nach dem WOZU. Anstatt ein Symptom zu bekämpfen, fragt der hypnosystemische Ansatz, wofür dieses Verhalten einmal eine intelligente Lösung war.

Häufig entstanden diese Muster in der Kindheit als Schutzmechanismus gegen:

  • Emotionale Vernachlässigung
  • Übermäßige Leistungserwartungen
  • Das Gefühl, nur als „Objekt“ der Eltern zu existieren

Die narzisstische Strategie half damals, die Selbstachtung zu bewahren. Das Problem ist lediglich, dass diese Strategie heute im Erwachsenenalter (im falschen Kontext) zu massiven zwischenmenschlichen Problemen führt und zu schweren Traumatisierungen bei anderen Menschen führen kann.

Interview mit Verena König: "Darum läuft in narzisstischen Beziehungen alles schief, darum wirst du traumatisiert"

4. Raus aus der Trance: Wege zur Veränderung

Wie arbeitet man hypnosystemisch mit diesen Mustern?

  • Kontext-Check: Wir untersuchen, in welchen Situationen (Trigger) die narzisstische Trance anspringt. Ist es bei Stress? Bei drohendem Gesichtsverlust?
  • Utilisation: Die vorhandene Energie und der Gestaltungswille der grandiosen Seite werden nicht unterdrückt, sondern für konstruktive Ziele genutzt.
  • Kooperation der Anteile: Ziel ist es, dass die grandiose Seite lernt, die vulnerable Seite zu schützen, ohne andere abzuwerten. Es geht um eine innere Teamentwicklung.


5. Problemtrance ist niemals eine Entschuldigung

Ich möchte dennoch therapeutisch eine glasklare, unmissverständliche Grenze ziehen: Gewalt ist durch absolut nichts gerechtfertigt.

Auch wenn wir aus einer hypnosystemischen Haltung heraus das leidvolle Entstehen einer narzisstischen Schutztrance nachvollziehen können, bedeutet Verstehen niemals Einverständnis. Jede Person trägt zu jedem Zeitpunkt die volle, unteilbare Verantwortung für den eigenen Umgang mit destruktiven Impulsen und Aggressionen. Eine Problemtrance suspendiert nicht die ethische und menschliche Pflicht, das Gegenüber unversehrt zu lassen. Niemand muss destruktives Verhalten erdulden, nur weil es auf einer alten Verletzung des anderen basiert.

Im Kontext von Gewalterfahrungen ist die Diagnose „Narzissmus“ oft das Werkzeug, das die Täterverantwortung dorthin zurückgibt, wo sie hingehört, und Betroffenen ihre eigene Realität und Würde zurückgibt.



Fazit: Vom Etikett zur Entwicklung

Der hypnosystemische Blick befreit uns von der Schwere der Diagnose. Er macht aus einem hoffnungslosen Fall einen Menschen, der in einer starren und rigiden Strategie feststeckt. Diese Sichtweise eröffnet Räume für echtes Mitgefühl – für sich selbst und für andere – und ebnet den Weg für echte, nachhaltige Veränderung.

Verschwörungstheorien: Rufschädigung von Michaela Huber?
von Florian Friedrich 14. August 2026
Was sind Rituelle Gewalt und Satanic Ritual Abuse (SRA)? Rituelle Gewalt und SRA gibt es nicht, sie sind ein Märchen, eine Urbane Legende. Das Konstrukt ist eine Verschwörungstheorie, die unter Psychotherapeut*innen weit verbreitet ist und nicht hinterfragt wird. Die bekannte Traumatherapeutin Michaela Huber gilt als eine der Hauptvertreterinnen dieser Theorie. Das Narrativ behauptet, dass geheime Organisationen, wie etwa Satanssekten, im Untergrund Kinder missbrauchen, foltern, abrichten und mittels Mind Control fernsteuern. Rituelle Gewalt werde von der Politik, von der Justiz, von der Polizei und den Reichen und Mächtigen verschleiert. Gerade der nicht empirische Nachweis der Rituellen Gewalt sei ein Beweis für deren Existenz. Auch Behandlungsfehler durch Traumatherapeut*innen und das Suggerieren falscher Erinnerungen sind kein Beweis für die Existenz Ritueller Gewalt. Wer sich kritisch dagegen äußert, der wird massiv angefeindet und ihm wird rasch unterstellt, dass er selbst ein Teil dieser großen Verschwörung sei oder zumindest generell Gewalt an Kindern rechtfertige, ganz nach dem Motto: "Wer nicht für mich ist, ist gegen mich und auch gegen alle Opfer von Gewalt." Viele meiner Kolleg*innen wissen gar nicht, dass es sich bei dieser dümmlichen Theorie lediglich um ein Verschwörungsnarrativ handelt. Eine Klarstellung oder: Wer hat hier ihren eigenen einst guten Ruf geschädigt? Die bekannte Psychotherapeutin Michaela Huber verbreitet Verschwörungsgeschichten zu Satanismus, Satanic Panic und Ritueller Gewalt. Diese konnten bis heute nicht wissenschaftlich nachgewiesen werden. Somit handelt es sich bei Ritueller Gewalt um eine Urbane Legende bzw. um ein Verschwörungsnarrativ, welches ein False-Memory-Syndrom suggerieren kann. Nachdem mir eine Kollegin auf einer Social-Media-Plattform unterstellt hat, ich würde bei der "renomierten" Kollegin Michaela Huber Rufschädigung und Diskreditierung begehen, dass diese mittlerweile entlastet worden sei (falsch!), dass ich ihren therapeutischen Ansatz abwerte (richtig, da fühle ich mich verstanden, wobei eine Verschwörungstheorie in meiner Welt kein psychotherapeutischer Ansatz ist) und dass mein Beitrag „vollkommen überflüssig sei“, habe ich ihr folgendes geantwortet: Michaela Huber gilt heute als sehr umstritten und wird sogar auf Wikipedia heftigst als Verschwörungstheoretikerin kritisiert. In Österreich würde ich Michaela Huber sofort bei der Ethikkommission melden, und eventuell würde ihr sogar die Zulassung als Psychotherapeutin entzogen werden, wenn sie sich nicht von ihren Verschwörungsgeschichten zur rituellen Gewalt distanziert. In Deutschland ist das leider etwas schwieriger. Michaela Huber wurde keinesfalls entlastet und konnte ihre Theorien bis heute nie beweisen. Ohne jedes Unrechtsbewusstsein oder die Bereitschaft, in einen wissenschaftlichen Dialog und Diskurs zu treten, verbreitet sie nach wie vor ihre esoterische Ideologie. So dürfen sich Psychotherapie-Schulen oder traumatherapeutische Ansätze, die einen seriösen Anspruch nach dem State-of-the-Art haben, nicht verhalten, so verhalten sich allerdings Sekten (was paradox ist, denn Huber postuliert ja, Satanssekten aufzudecken). Hier werden Huber und ihre Jünger*innen dem ganz ähnlich, was sie zu bekämpfen suchen.
Rituelle Gewalt, Trauma und Psychotherapie: Eine hypnosystemische Perspektive auf Erinnerung, Dissoz
von Florian Friedrich 14. August 2026
Rituelle Gewalt, Trauma und Psychotherapie: Eine hypnosystemische Perspektive auf Erinnerung, Dissoziation, Suggestion und therapeutische Verantwortung.
Rituelle Sexuelle Gewalt ist eine Legende
von Florian Friedrich 14. August 2026
Das Verschwörungsnarrativ von Michaela Huber Insgesamt gibt es mindestens 20 Definitionen von Ritueller Gewalt (RG). Dieser Artikel bezieht sich auf die Verschwörungstheorie der berühmten Traumatherapeutin Michaela Huber, ein Narrativ, das leider in der Therapieszene noch immer als selbstverständlich hingenommen und zu wenig hinterfragt wird. Lesen Sie in diesem Beitrag, warum Rituelle Sexuelle Gewalt (nach Michaela Huber) und Satanic Ritual Abuse (SRA) Legenden und klassische Verschwörungstheorien sind.
Falsche Erinnerungen - False Memory
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Was sind falsche Erinnerungen? Falsche Erinnerungen werden auch als "False Memory" bezeichnet. Viele Therapeut*innen haben ihren Patient*innen bereits sexuellen Missbrauch aufgeschwätzt und damit ganze Familien zerstört. Im Rahmen einer Traumatherapie kann es rasch passieren, dass Traumasymptome vorschnell und falsch interpretiert werden und Menschen dann durch ihre Psychotherapeut*innen falsche Erinnerungen eingesät werden. Traumatisierte Betroffene werden manchmal von ihren Psychotherapeut*innen dazu gebracht, daran zu glauben, sie seien als Kinder sexuell oder sogar rituell missbraucht worden. Wenn das nicht der Fall ist, kann das für die Patient*innen und deren Angehörige äußerst schädlich sein und wiederum traumatisieren. Die Patient*innen erleben dann erneut innerliche Starre, Totstellreflexe, totale Ohnmacht und Hilflosigkeit.